Kategorie-Archiv: Umwelt

Klimakrise: Raus aus der Komfortzone

Warum ich mit Extinction Rebellion Brücken blockieren will

Ich falle, wie wohl die meisten Menschen, nur sehr ungern unangenehm auf. Mir ist es peinlich, wenn jemand meinetwegen warten muss, weil ich an der Supermarktkasse meinen Geldbeutel nicht finde. Vor ein paar Jahren, ich war gerade überzeugte Tierrechtlerin geworden, habe ich mir eine Menge Aufkleber bestellt in Form eines Warnetiketts wie bei Zigaretten: „Achtung, Produkt aus Tierquälerei“. Die wollte ich auf Fleischpackungen und Speisekarten kleben. Das Problem: Obwohl ich das eine total sinnvolle Aktion fand, habe ich es fast nur dann tatsächlich geschafft, wenn ich mich völlig unbeobachtet wusste – was im Supermarkt oder auf der Straße vor Restaurants kaum vorkommt. Zu sehr habe ich mich vor missbilligenden oder verächtlichen Blicken der Vorbeilaufenden gefürchtet.

Nächste Woche will ich mich in Berlin auf eine große Brücke setzen und mit vielen anderen im Rahmen der Bewegung Extinction Rebellion den Straßenverkehr blockieren. Einige Leute, die schnell von A nach B wollen, werden sich darüber ziemlich ärgern. Was ja gut verständlich ist. Es wird eine Menge missbilligende und sicher auch verächtliche Blicke regnen. Das werde ich in Kauf nehmen. Ebenso wie das Risiko, von der Polizei unsanft weggetragen und auf eine Wache gebracht zu werden und später Briefe mit einem Bußgeld oder gar einem Strafbefehl zu bekommen. Wieso?

Die Unbequemlichkeit, die wir am nächsten Montag verursachen werden, ist bedauerlich, aber wirklich fast lachhaft im Vergleich dazu, was in den nächsten Jahrzehnten durch den Klimawandel und die ökologische Krise auf uns alle zukommt. Die Dürren, Unwetter und Überschwemmungen, die wir jetzt schon überall auf der Welt erleben, sind ja erst der Anfang. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird es noch viel, viel schlimmer. Es gibt eigentlich nichts Wichtigeres, als dass wir uns als Gesellschaft dieser Krise stellen und Maßnahmen ergreifen, sie zumindest zu bremsen. Und damit das passiert, reicht es einfach nicht mehr, Petitionen zu unterschreiben, Flyer zu verteilen oder zu demonstrieren. Wir müssen die Regeln brechen, wir müssen unbequem werden. Es ist sonst zu leicht – zu bequem – die Realität zu ignorieren.

Tatsächlich habe ich das selbst lange getan. Obwohl der Klimawandel seit Jahren für mich ein Thema ist – ich habe aufgehört zu fliegen, mich mit dem Zusammenhang von Tierhaltung und Klima beschäftigt, bei Animal Climate Action mitgearbeitet und auch schon an Ende-Gelände-Aktionen teilgenommen – habe ich in gewisser Weise die wirkliche Dramatik der Lage lange gar nicht an mich herangelassen. Sie ist auch einfach so deprimierend. Schon jetzt sterben pro Tag so viele Tierarten aus wie seit 60 Millionen Jahren nicht mehr – das liegt nicht nur am Klimawandel, sondern auch an der gezielten Vernichtung durch uns Menschen, der Verringerung von Lebensraum und der Verschmutzung von Luft, Böden und Wasser.

Was den Klimawandel angeht, so steuern wir auf dem aktuellen Kurs auf eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2 bis 6 Grad bis 2100 zu. Große Teile der Erde werden unbewohnbar werden. Hunderte Millionen Menschen werden auf der Flucht sein. Vier Grad – nach dieser Einschätzung ein eher mittlerers Ergebnis – würde Berechnungen zufolge bedeuten, dass 74 % der Weltbevölkerung in Gebieten mit regelmäßig tödlicher Hitze wohnen würden, d.h. dort nur überleben könnten mit flächendeckenden Klimaanlagen. Selbst die Weltbank schreibt, es sei unsicher, ob eine Anpassung unser Gesellschaften an vier Grad Erwärmung überhaupt möglich sei. Außerdem können wir mit jeder weiteren Erwärmung gefährliche Kipppunkte überschreiten, die uns in eine unkontrollierbare Aufheizung, den so genannten „runaway climate change“ befördern und damit möglicherweise in eine Welt, die so heiß wird, dass sie für Menschen und andere Säugetiere nicht mehr bewohnbar ist. Schon jetzt schmilzt die Arktis, die Permafrostböden tauen auf, Wälder werden durch Dürre und Feuer vernichtet. All das verstärkt die Erwärmung weiter.

Die Forscherin Kate Marvel schreibt: „Als Klimawissenschaftlerin werde ich oft gebeten, über Hoffnung zu sprechen. Besonders im aktuellen politischen Klima möchte das Publikum hören, dass am Ende doch alles gut wird. Der Klimawandel ist so bedrückend, sagen die Veranstalter*innen immer. Erzähl uns eine schöne Geschichte. Gib uns Hoffnung. Das Problem ist: Ich habe keine.“ Und weiter: „Klimawissenschaftlerin zu sein bedeutet, an einer Horrorgeschichte in Zeitlupe teilzunehmen. Wir schicken unsere Kinder unweigerlich auf einen fremden Planeten.“

Es geht hier nicht nur um physische und biologische Effekte. Wir müssen uns auch fragen, was auf der politischen und sozialen Ebene mit Gesellschaften passiert in einer Welt, in der die Ressourcen ausgehen, in der es riesige Migrationsbewegungen und ständige Naturkatastrophen gibt. Werden wir solidarisch damit umgehen? Zusammenstehen, uns gegenseitig helfen und teilen? Oder wird sich eine Ideologie der Abschottung und Konkurrenz durchsetzen, wie wir sie jetzt schon überall in Europa erleben, und womöglich zu einem neuen Faschismus führen? Das sind keine Gedankenspiele, sondern sehr reale Möglichkeiten in Anbetracht des fast unvermeidbaren Zusammenbruchs der jetzigen Gesellschaften. Und all das wird nicht erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts akut werden – ich rechne mit krassen Änderungen unserer Lebensweise spätestens in zwanzig Jahren. Tatsächlich scheint die Erwärmung ja immer schneller zu sein, als die Studien voraussagen. Ein paar Dürren wie 2018 hintereinander, und wir haben eine handfeste globale Ernährungskrise, die auch uns betreffen wird.

Wenn man sich die Lage derart vor Augen führt, erscheint der Alltag unserer heutigen Welt geradezu absurd. Mein Nachbar mäht in aller Ruhe den Rasen, meine Eltern planen ihren Sommerurlaub, meine Freund*innen bewerben sich auf neue Jobs, schreiben Forschungsarbeiten über tote Philosophen oder bekommen gar Kinder. Auf der individuellen Ebene ist das natürlich immer verständlich – wenn ich es auch, wenn ich ehrlich bin, zunehmend weniger verstehe. Auf der Ebene der Gesellschaft ist es nicht nur irrational, sondern selbstmörderisch. Das Handeln auf Seiten der Politik entspricht dem: Business as usual. Klimaschutz? Gern, aber nur, wenn es die Wirtschaft nicht schädigt. Streiken für‘s Klima? Ok, das zeugt von politischem Bewusstsein, aber langsam reicht es doch. Nicht nur die tatsächliche Politik, auch schon die Debatte ist vollständig quer zu dem, was uns die Wissenschaft eigentlich sagt. Kontinuierlich wird weiter so getan, als ob kleinere Einsparungen durch neue Technologien den Karren schon weit genug aus dem Dreck ziehen würden.

Seit 1990 sind die globalen Treibhausgasemissionen um 60 Prozent gestiegen, obwohl damals schon der Weltklimarat eine starke Reduktion gefordert hatte. Auch 2018 sind sie erneut gestiegen. Um noch irgendeine Chance zu haben, die Erwärmung unter zwei Grad zu halten, müssen die Emissionen um fast so viel sinken, wie sie seitdem gestiegen sind. Das erfordert einen so umfassenden Wandel, dass ich bezweifle, dass er innerhalb des jetzigen Wirtschaftssystems überhaupt möglich ist. Wir wissen aber, dass er nötig ist, wenn wir uns und unseren Nachkommen – und all den nichtmenschlichen Tieren, die noch am wenigstens dafür können – einen lebenswerten Planeten erhalten wollen.

Extinction Rebellion in London

Die Bewegung Extinction Rebellion hat mich angesprochen, gerade weil sie die Lage so dramatisch beschreibt, wie sie tatsächlich ist: Wir stehen vor dem Weltuntergang. Das ist kein „Katastrophismus“, sondern die Wahrheit. Extinction Rebellion sagt diese Wahrheit nicht nur, sondern zeigt sie mit ihren Aktionen. Der erste Artikel, den ich über die Bewegung gelesen habe und der mich sofort bewegt hat, trug den Titel „Hundreds ready to go to jail over climate crisis.“ Menschen sind bereit, gegen Normen zu verstoßen und Ärger in Kauf zu nehmen, weil das Thema einfach so wichtig und dringend ist. Tausende haben in London an einem Tag fünf Brücken blockiert, den Verkehr lahmgelegt und allein damit jede Menge Aufmerksamkeit erzwungen. Was für einige Menschen vielleicht radikal und abschreckend wirkt, schafft es bei vielen anderen, Verständnis und Empathie zu wecken und ein ganz anderes Signal zu setzen als die altbekannte Latschdemo.

Was sollen diese Aktionen nun genau erreichen – was müsste in dieser so entmutigenden Lage denn getan werden? Mich haben auch die drei Kernforderungen von Extinction Rebellion überzeugt. Sie richten sich an die Regierung als die Instanz, die sowohl die Macht hätte, grundlegende Strukturen zu verändern, als auch die Pflicht dazu, insofern sie mindestens für die Sicherheit der eigenen Bevölkerung zu sorgen hat.

Erstens soll die Regierung gemeinsam mit den Medien die Wahrheit über die ökologische Krise klar kommunizieren und allgemein bekannt machen, als Voraussetzung dafür, dass auch drastische Maßnahmen ergriffen werden können. Zweitens müssen die Treibhausgasemissionen in kürzester Zeit, nämlich bis 2025, auf netto-null sinken und alles getan werden, um darüber hinaus Kohlenstoff mit sicheren Methoden wieder aus der Atmossphäre herauszuholen. Das jeweils in den einzelnen Ländern und damit letztlich auch global. Die dafür nötigen Maßnahmen sollen drittens nicht von den Regierungen selbst erarbeitet und überwacht werden, sondern von so genannten Bürger*innenversammlungen, die per Losentscheid zusammengestellt werden und so einen guten Querschnitt der Gesellschaft liefern. Die ausgelosten Menschen bekommen umfassende Informationen von Wissenschaftler*innen und Expert*innen, haben Gelegenheit nachzudenken und sich in verschiedenen Formaten auszutauschen, und treffen dann Entscheidungen. Die Erfahrung mit solchen Gremien zeigt, dass sie oft zu ausgesprochen guten und progressiven Ergebnissen führen.

Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass ein paar Straßenblockaden und Medienberichte die Regierung dazu bringen werden, diese Forderungen zu erfüllen. Umso mehr, als sie ohne grundlegende Transformation der Wirtschaft – ohne Angriff auf machtvolle Kapitalinteressen – nicht zu erfüllen sind. Der Plan muss also sein, die Rebellion so weit zu eskalieren, dass sie tatsächlich das Weiter-so, den normalen Betriebsablauf der Wirtschaft unmöglich macht. Es braucht wahrscheinlich irgendeine Art von revolutionärem Moment, der eine Neuorganisation unter anderen Bedingungen möglich macht. Dazu müssen klarerweise deutlich mehr Menschen mitmachen als jetzt – aber nicht so viele, wie man vielleicht denkt. Der Wandel braucht keine Mehrheit. Eine entschlossene und einsatzbereite Minderheit kann fundamentale Änderungen herbeiführen – zumindest mit der richtigen Strategie.

Extinction Rebellion in Berlin

Ziviler Ungehorsam in Form von friedlichen Besetzungen und Blockaden sind Mittel, die schon bei vielen sozialen Bewegungen zu Erfolgen geführt haben. Extinction Rebellion beruft sich auch auf diese Geschichte und sozialwissenschaftliche Forschung. Natürlich ist unklar, inwieweit wir die Erfahrungen der Vergangenheit auf heute übertragen können – wir wollen nicht einzelne Gesetze verändern, sondern eine ganze Kultur umkrempeln. Aber dass wir nicht sicher wissen, ob die Strategie funktionieren wird, ist keine Ausrede dafür, gar nichts zu tun. Um noch einmal Kate Marvel zu zitieren: „Wir brauchen keine Hoffnung, sondern Mut. Mut bedeutet, das Richtige zu tun, ohne zu wissen, ob die Geschichte gut ausgehen wird.“

Aus meiner Sicht ist eine Rebellion oder ein Massenaufstand zum jetzigen Zeitpunkt genau richtig und dringend nötig – im Rahmen von Extinction Rebellion, aber auch im anderen Rahmen mit Ende Gelände, Fridays for Future, Animal Climate Action oder all den anderen, die nicht nur auf gefällige Protestformen, sondern auch auf den kalkulierten Regelbruch setzen. Und was viele, die wie ich am liebsten nicht negativ auffallen wollen, nicht erwarten: Gemeinsam ungehorsam sein, gemeinsam im Weg sitzen, kann – bei allem Mitgefühl für die blockierten Autofahrer*innen – richtig viel Spaß machen. Nicht nur, weil es toll ist, neue Menschen kennenzulernen, die in Anbetracht der Lage ähnlich empfinden wie man selbst. Auch nicht unbedingt, weil derlei Aktionen abenteuerlich und erlebnisreich sind – wobei das sicher auch eine Rolle spielt. Sondern vor allem deshalb, weil es sich großartig anfühlt, der Krise nicht mehr nur ohnmächtig zuzuschauen oder sich mit Alltäglichkeiten abzulenken, sondern hinzuschauen und aktiv etwas zu tun. Man nennt es auch „Empowerment“ – die eigene Handlungsfähigkeit entdecken und ausüben. Ich kann es nur empfehlen.

Echte Fake News: Keine Konkurrenz von Trog und Teller

Fake News“ ist ja oft ein Kampfbegriff ohne viel Inhalt, aber hier trifft er mal genau zu: Agrarmedien verbreiten Falschmeldungen in eigenem Interesse und korrigieren nicht. Im Oktober veröffentlichte die Welternährungsorganisation eine neue Studie zur Frage, ob die Fütterung von Nutztieren eine Verschwendung von Ressourcen darstellt, die auch für die direkte menschliche Ernährung genutzt werden kann. Obwohl die Ergebnisse differenziert sind, titelten mehrere Agrarmedien und Lobbyorganisationen eindeutige – und dabei falsche – Botschaften.

Topagrar-Artikel

Pressedienst vom Bayerischen Bauernverband

Website „Frag doch mal den Landwirt!“

Rheinischer Landwirtschafts-Verband

Proplanta – Informationszentrum für die Landwirtschaft

Die Menge an Unrichtigkeit variiert dabei:

  • Eine glasklar falsche Zahlenangabe macht Topagrar, das wichtigste Agrarmedium, offenbar übernommen aus einer Agenturmeldung von Agra Europe: Sie schreiben, nur 13 % der globalen Getreideernte flössen in die Fleischproduktion. Dabei steht in der Studie wörtlich und ganz am Anfang, dass es ein Drittel sind. Auch über Facebook verbreitete sich der Artikel von Topagrar in der Agrarszene – allein dieser Artikel wurde 150 mal geteilt.  In Kommentaren haben ich und andere mehrfach auf den Fehler hingewiesen, die Meldung wurde jedoch nicht korrigiert. Als ich per Mail an die Redaktion um Richtigstellung bat und mit einer Beschwerde beim Deutschen Presserat drohte, wurde der Artikel auf der Website gelöscht – anstatt richtiggestellt, wie der Pressekodex fordert. Bei der Suche auf Topagrar findet man den Teaser noch immer, auch der Facebookpost inklusive falscher Zahl blieb unverändert bis heute. Die Meldung ist auf diesem Weg natürlich in zahlreichen anderen Medien gelandet. Auch Proplanta und der Rheinische Landwirtschaftsverband übernimmt die 13 %. Ich habe dann am 14. November die Beschwerde gegen Topagrar beim Presserat eingereicht und warte noch auf die Entscheidung.
  • Die Gesamtinterpretation der Studie stimmt nicht: Die Studie besagt mitnichten, dass es keine Konkurrenz zwischen Futtermittel- und Nahrungsmittelproduktion gibt. Erstens lautet das explizite Fazit der Studie anders: „These results allow to nuance the severity of the feed/food competition that is often put forward.“ Das Ergebnis ist also, dass die Schwere der Konkurrenz differenzierter zu betrachten ist bzw. dass die Konkurrenz weniger schwerwiegend sei, als oft behauptet wird. Nirgendwo wird behauptet, dass es keine Konkurrenz gibt. Zweitens stellt die Studie im Gegenteil klar, dass zur Zeit eine Menge Land zur Futtermittelproduktion genutzt wird, wo auch menschliche Nahrungsmittel angebaut werden könnten – das gilt sogar für einen Teil des vielbeschworenen Weideland. Auch die Zahl 86%, die von Agrarseite so gefeiert wird, ist anders zu bewerten: Zur Zeit sind 86% der Futtermittel nicht für den menschlichen Verzehr geeignet. Das liegt aber in vielen Fällen daran, dass sie extra für Tiere angebaut wurden – und man könnte natürlich auch etwas anderes anbauen.

Sehr fundierte Kritiken der Fehlinterpretation mit weiteten Informationen und Bewertungen wurden jetzt von Germanwatch und von der Albert-Schweitzer-Stiftung verfasst. Vielen Dank dafür!

Das alte Problem der Fake News bleibt allerdings: Die Richtigstellung verbreitet sich weit weniger als und nicht in denselben Kreisen wie die Falschmeldung. Und so bleibt die Falschmeldung in der Welt und wird auch immer wieder in Kommentaren zur Argumentation verwendet … Vielleicht hat es daher Sinn, nochmal alle Medien, wo sie auftauchte, zur Richtigstellung aufzufordern und ggf. Beschwerden einzureichen? Eine Sisyphusarbeit und damit wohl ein Lehrstück über Fake News …

Update: Auf die Intervention des Presserates hin hat Topagrar die Meldung korrigiert. Sanktionen erfolgten nicht.

 

Alternativen statt Lösungen! Rezension

auskontrolliertemraubbau2Kathrin Hartmanns Buch „Aus kontrolliertem Raubbau“ beginnt mit der Beschreibung einer Realsatire: Der Deutsche Nachhaltigkeitstag im Jahr 2013. Die Industrie feiert sich selbst für Umweltschutz und Ressourcenschonung – begleitet von einem Showprogramm mit aus den USA eingeflogenen Stars und einem Festessen, das ausschließlich aus Fisch und Fleisch besteht.  Unter den Gästen wie den Sponsoren sind zahlreiche Großkonzerne, die nicht gerade für ihr Öko-Engagement bekannt sind – Unternehmen wie Bayer, BMW, Coca-Cola, Henkel, Lufthansa, Siemens oder Unilever. Diese Unternehmen verdienen Geld durch gigantischen Verbrauch von Ressourcen und Energie im Rahmen des kapitalistischen Wachstumsmodells, das bis heute in Politik und Wirtschaft unhinterfragtes Dogma ist, ungeachtet all der fundierten Kritik daran. Alternativen statt Lösungen! Rezension weiterlesen

Mail einer Biobäuerin

Folgende Mail wurde schP1050981on vor einigen Wochen von einer Biobäuerin aus Süddeutschland an den Verein „Die Tierbefreier e.V.“ geschickt. Ich finde einige Punkte durchaus bedenkenswert und die Themen generell diskussionswürdig, weshalb ich die Mail hier (mit Einverständnis der Autorin) veröffentliche. Im Anschluss sind meine Überlegungen und Kommentare dazu. Mail einer Biobäuerin weiterlesen

Veganer Käse aus Kanada – echt jetzt?

Ich find’s ja gut, dass es immer mehr vegane Produkte auch in normalen Läden gibt. Ich bin ja einverstanden, dass es innerhalb des Kapitalismus besser ist, wenn die Tierindustrie weniger und die Hersteller pflanzlicher Nahrungsmittel mehr Geld bekommen. Aber man muss sich doch auch fragen, wo wir eigentlich hinwollen.

Heute war ich im Kaiser’s an der Hermannstraße in Neukölln. Da gibt es jetzt ein kleines Regal von Veganz plus einen Kühlschrank. Darin: Milchfreier Streukäse der Firma Daiya für 5,99 Euro pro 223 Gramm, importiert aus Kanada. Und große Gläser Mayonnaise, importiert aus den USA. Als ich kürzlich im Veganz war, habe ich schon über die langen Tiefkühltruhen mit den pflanzlichen Fleischprodukten gestaunt – importiert aus Kanada.

Leckerer pflanzP1050957licher Käse wird auch schon in Europa produziert. Pflanzenfleisch auch und vegane Mayo allemal. Die Sachen im Veganz-Regal sind noch nicht mal bio. Ernsthaft, kann mir jemand sagen, was daran noch irgendwie öko oder nachhaltig ist?

Wer denkt eigentlich, auch bei VeganerInnen, wirklich daran, dass die industrielle Landwirtschaft – z.B. die Erzeugung von Weizen – für Umwelt und auch für Wildtiere ziemlich katastrophal ist? Mineraldünger, Pestizide, da war doch mal was?

Für mich zeigt das Ganze einmal mehr, wie irrational der Kapitalismus ist. Natürlich auch in der veganen Variante. Wenn wir uns zusammensetzen und vernünftig überlegen würden, was wir für Nahrungsmittel brauchen und wie wir die am besten beschaffen, würde doch niemand auf die Idee kommen, Pflanzenfett von sonstwo in Kanada zusammenzurühren, um es dann nach Berlin zu transportieren, oder?

Dieser Irrationalismus begegnet einem ja überall. Zum Beispiel: In der Diskussion um TTIP wird als Pro-Argument für das Freihandelsabkommen angeführt, dass sich das Handelsvolumen zwischen den USA und Europa verdoppeln würde. Doppelt so viele Containerschiffe, doppelt so viele Flugzeuge, um Zeug hin- und herzubewegen, das zu wahrscheinlich 99% auch im jeweils eigenen Kontinent hergestellt wird und das man zu 100% zu einem guten Leben nicht braucht?

Zurück zum Daiya-Käse im Kaiser’s. Ich will klarerweise nicht sagen, dass wir lieber Kuhkäse essen sollten. Ich will sagen, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir eigentlich auf diesem Planeten leben wollen. Und wie wir uns als VeganerInnen verstehen wollen.

Ich bin es ehrlich gesagt auch satt, dass bei veganer Ernährung ständig von Avocado-Dipp, Bananensmoothie und Quinoa-Brei die Rede ist. Klar, das ist alles lecker, und wenn Leute dafür auf Salami verzichten, schön und gut. Aber das ist doch kein Konzept für die Zukunft!

Es geht mir nicht um Perfektionismus. Es geht mir überhaupt nicht um individuelles Konsumverhalten. Es ist ja nicht so, dass ich nie Avocados, Bananen oder anderen weitgereisten Quatsch kaufe. Und mir ist auch bewusst, dass sich in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht jeder Mensch regionale Bioprodukte leisten kann und dass deren Erzeugung auch kein Märchenland ist. Das ist ja alles Teil des Problems.

Es geht um die Vision. Über die müssen wir mal reden! Und über den Weg dahin. Die Frage ist: Wie wollen wir eigentlich leben? Wie uns gegenüber anderen Menschen und Tieren verhalten? Wie wollen wir Nahrungsmittel erzeugen? Wie wollen wir deren Verteilung organisieren? Und wie schaffen wir es, dass wir irgendwann über diese Dinge überhaupt eigene und vernünftige Entscheidungen treffen, anstatt wie jetzt nur als KonsumentInnen auf die Irrationalitäten des Marktes reagieren zu können?

Der Daiya-Käse aus Kanada im Extrakühlschrank im Kaiser’s bringt uns bei diesem Prozess jedenfalls keinen Schritt weiter. Vielleicht im Gegenteil.

Weidehaltung torpediert Moorschutz

Es wird ja gern behauptet, die Weidehaltung von Rindern sei eine besonders ökologische Weise der Landnutzung. Die neue top agrar (11/2014, S. 50f.) zeigt auch andere Seiten: In Niedersachsen wehren sich gerade LandwirtInnen, insbesondere von Milchbetrieben, gegen die Ausweisung von Vorranggebieten für den Moorschutz, weil sie dadurch ihre Existenz bedroht sehen. Weidehaltung torpediert Moorschutz weiterlesen

Veganes Blutvergießen und die Weidefleisch-Fiktion

Mit einem Artikel mit dem Titel “Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?” hat Paläo-Esser Felix Olschewski in der Veganszene viel Wind aufgewirbelt und viel wütende Kritik geerntet. Die ist zwar grundsätzlich berechtigt, wird aber teils auch der Komplexität der Sache nicht gerecht. Hiermit versuche ich mich also an einer weiteren Replik.

Alte Debatte
Zunächst ist zu bemerken, dass die von Olschewski vertretenen Thesen keineswegs neu sind. Bereits 2002 erschien im Journal for Agricultural and Environmental Ethics ein Artikel, in dem dafür argumentiert wurde, dass wir vor allem große Pflanzenfresser aus Weidehaltung verzehren sollten, wenn wir den geringstmöglichen Schaden für Tiere zum Ziel hätten. Die Argumente sind dieselben wie in Olschewskis Text, nur mit anderen Zahlen – weil die Getreideproduktion so viele Tiere töte, sollte man lieber Weidefleisch essen. Wenige Monate später wurde im selben Journal ein Aufsatz veröffentlicht, der einen Rechenfehler im ursprünglichen Artikel aufdeckte und mithilfe weiterer Überlegungen zum umgekehrten Schluss kam: Die fleischlose Ernährung beinhalte den geringsten Schaden für Tiere.
Wiederum pro Fleisch argumentiert Umweltaktivistin und Exveganerin Lierre Keith in ihrem Buch “The Vegetarian Myth” von 2009, das kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist. Olschewski könnte mehrere Überlegungen von ihr übernommen haben, u.a. die von ihr gebetsmühlenartig wiederholte These, man könne sich nicht ernähren, ohne dass jemand dafür stürbe, und man solle das akzeptieren und dann aus Umwelt- und Gesundheitsgründen Fleisch essen.

Wichtige Einsichten
Ich finde es wichtig zu bemerken, dass in dieser Debatte tatsächlich ein Teil Wahrheit steckt, den VeganerInnen gern übersehen: Es gibt so gut wie kein “tierleidfreies” Essen. Tatsächlich wird in jeder Form von Landwirtschaft Tieren geschadet – mindestens dadurch, dass sie von ihrem bisherigen Lebensraum vertrieben werden, den Menschen für sich als Ackerland beanspruchen. Wenn also behauptet wird, “vegan” stünde für “tierleidfrei”, dann ist das Quatsch. Das muss man anerkennen. Veganes Blutvergießen und die Weidefleisch-Fiktion weiterlesen