Kategorie-Archiv: Umwelt

Echte Fake News: Keine Konkurrenz von Trog und Teller

Fake News“ ist ja oft ein Kampfbegriff ohne viel Inhalt, aber hier trifft er mal genau zu: Agrarmedien verbreiten Falschmeldungen in eigenem Interesse und korrigieren nicht. Im Oktober veröffentlichte die Welternährungsorganisation eine neue Studie zur Frage, ob die Fütterung von Nutztieren eine Verschwendung von Ressourcen darstellt, die auch für die direkte menschliche Ernährung genutzt werden kann. Obwohl die Ergebnisse differenziert sind, titelten mehrere Agrarmedien und Lobbyorganisationen eindeutige – und dabei falsche – Botschaften.

Topagrar-Artikel
Pressedienst vom Bayerischen Bauernverband
Website „Frag doch mal den Landwirt!“
Rheinischer Landwirtschafts-Verband
Proplanta – Informationszentrum für die Landwirtschaft

Die Menge an Unrichtigkeit variiert dabei:

  • Eine glasklar falsche Zahlenangabe macht Topagrar, das wichtigste Agrarmedium, offenbar übernommen aus einer Agenturmeldung von Agra Europe: Sie schreiben, nur 13 % der globalen Getreideernte flössen in die Fleischproduktion. Dabei steht in der Studie wörtlich und ganz am Anfang, dass es ein Drittel sind. Auch über Facebook verbreitete sich der Artikel von Topagrar in der Agrarszene – allein dieser Artikel wurde 150 mal geteilt.  In Kommentaren haben ich und andere mehrfach auf den Fehler hingewiesen, die Meldung wurde jedoch nicht korrigiert. Als ich per Mail an die Redaktion um Richtigstellung bat und mit einer Beschwerde beim Deutschen Presserat drohte, wurde der Artikel auf der Website gelöscht – anstatt richtiggestellt, wie der Pressekodex fordert. Bei der Suche auf Topagrar findet man den Teaser noch immer, auch der Facebookpost inklusive falscher Zahl blieb unverändert bis heute. Die Meldung ist auf diesem Weg natürlich in zahlreichen anderen Medien gelandet. Auch Proplanta und der Rheinische Landwirtschaftsverband übernimmt die 13 %. Ich habe dann am 14. November die Beschwerde gegen Topagrar beim Presserat eingereicht und warte noch auf die Entscheidung.
  • Die Gesamtinterpretation der Studie stimmt nicht: Die Studie besagt mitnichten, dass es keine Konkurrenz zwischen Futtermittel- und Nahrungsmittelproduktion gibt. Erstens lautet das explizite Fazit der Studie anders: „These results allow to nuance the severity of the feed/food competition that is often put forward.“ Das Ergebnis ist also, dass die Schwere der Konkurrenz differenzierter zu betrachten ist bzw. dass die Konkurrenz weniger schwerwiegend sei, als oft behauptet wird. Nirgendwo wird behauptet, dass es keine Konkurrenz gibt. Zweitens stellt die Studie im Gegenteil klar, dass zur Zeit eine Menge Land zur Futtermittelproduktion genutzt wird, wo auch menschliche Nahrungsmittel angebaut werden könnten – das gilt sogar für einen Teil des vielbeschworenen Weideland. Auch die Zahl 86%, die von Agrarseite so gefeiert wird, ist anders zu bewerten: Zur Zeit sind 86% der Futtermittel nicht für den menschlichen Verzehr geeignet. Das liegt aber in vielen Fällen daran, dass sie extra für Tiere angebaut wurden – und man könnte natürlich auch etwas anderes anbauen.

Sehr fundierte Kritiken der Fehlinterpretation mit weiteten Informationen und Bewertungen wurden jetzt von Germanwatch und von der Albert-Schweitzer-Stiftung verfasst. Vielen Dank dafür!

Das alte Problem der Fake News bleibt allerdings: Die Richtigstellung verbreitet sich weit weniger als und nicht in denselben Kreisen wie die Falschmeldung. Und so bleibt die Falschmeldung in der Welt und wird auch immer wieder in Kommentaren zur Argumentation verwendet … Vielleicht hat es daher Sinn, nochmal alle Medien, wo sie auftauchte, zur Richtigstellung aufzufordern und ggf. Beschwerden einzureichen? Eine Sisyphusarbeit und damit wohl ein Lehrstück über Fake News …

Update: Auf die Intervention des Presserates hin hat Topagrar die Meldung korrigiert. Sanktionen erfolgten nicht.

 

Alternativen statt Lösungen! Rezension

auskontrolliertemraubbau2Kathrin Hartmanns Buch „Aus kontrolliertem Raubbau“ beginnt mit der Beschreibung einer Realsatire: Der Deutsche Nachhaltigkeitstag im Jahr 2013. Die Industrie feiert sich selbst für Umweltschutz und Ressourcenschonung – begleitet von einem Showprogramm mit aus den USA eingeflogenen Stars und einem Festessen, das ausschließlich aus Fisch und Fleisch besteht.  Unter den Gästen wie den Sponsoren sind zahlreiche Großkonzerne, die nicht gerade für ihr Öko-Engagement bekannt sind – Unternehmen wie Bayer, BMW, Coca-Cola, Henkel, Lufthansa, Siemens oder Unilever. Diese Unternehmen verdienen Geld durch gigantischen Verbrauch von Ressourcen und Energie im Rahmen des kapitalistischen Wachstumsmodells, das bis heute in Politik und Wirtschaft unhinterfragtes Dogma ist, ungeachtet all der fundierten Kritik daran. Alternativen statt Lösungen! Rezension weiterlesen

Mail einer Biobäuerin

Folgende Mail wurde schP1050981on vor einigen Wochen von einer Biobäuerin aus Süddeutschland an den Verein „Die Tierbefreier e.V.“ geschickt. Ich finde einige Punkte durchaus bedenkenswert und die Themen generell diskussionswürdig, weshalb ich die Mail hier (mit Einverständnis der Autorin) veröffentliche. Im Anschluss sind meine Überlegungen und Kommentare dazu. Mail einer Biobäuerin weiterlesen

Veganer Käse aus Kanada – echt jetzt?

Ich find’s ja gut, dass es immer mehr vegane Produkte auch in normalen Läden gibt. Ich bin ja einverstanden, dass es innerhalb des Kapitalismus besser ist, wenn die Tierindustrie weniger und die Hersteller pflanzlicher Nahrungsmittel mehr Geld bekommen. Aber man muss sich doch auch fragen, wo wir eigentlich hinwollen.

Heute war ich im Kaiser’s an der Hermannstraße in Neukölln. Da gibt es jetzt ein kleines Regal von Veganz plus einen Kühlschrank. Darin: Milchfreier Streukäse der Firma Daiya für 5,99 Euro pro 223 Gramm, importiert aus Kanada. Und große Gläser Mayonnaise, importiert aus den USA. Als ich kürzlich im Veganz war, habe ich schon über die langen Tiefkühltruhen mit den pflanzlichen Fleischprodukten gestaunt – importiert aus Kanada.

Leckerer pflanzP1050957licher Käse wird auch schon in Europa produziert. Pflanzenfleisch auch und vegane Mayo allemal. Die Sachen im Veganz-Regal sind noch nicht mal bio. Ernsthaft, kann mir jemand sagen, was daran noch irgendwie öko oder nachhaltig ist?

Wer denkt eigentlich, auch bei VeganerInnen, wirklich daran, dass die industrielle Landwirtschaft – z.B. die Erzeugung von Weizen – für Umwelt und auch für Wildtiere ziemlich katastrophal ist? Mineraldünger, Pestizide, da war doch mal was?

Für mich zeigt das Ganze einmal mehr, wie irrational der Kapitalismus ist. Natürlich auch in der veganen Variante. Wenn wir uns zusammensetzen und vernünftig überlegen würden, was wir für Nahrungsmittel brauchen und wie wir die am besten beschaffen, würde doch niemand auf die Idee kommen, Pflanzenfett von sonstwo in Kanada zusammenzurühren, um es dann nach Berlin zu transportieren, oder?

Dieser Irrationalismus begegnet einem ja überall. Zum Beispiel: In der Diskussion um TTIP wird als Pro-Argument für das Freihandelsabkommen angeführt, dass sich das Handelsvolumen zwischen den USA und Europa verdoppeln würde. Doppelt so viele Containerschiffe, doppelt so viele Flugzeuge, um Zeug hin- und herzubewegen, das zu wahrscheinlich 99% auch im jeweils eigenen Kontinent hergestellt wird und das man zu 100% zu einem guten Leben nicht braucht?

Zurück zum Daiya-Käse im Kaiser’s. Ich will klarerweise nicht sagen, dass wir lieber Kuhkäse essen sollten. Ich will sagen, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir eigentlich auf diesem Planeten leben wollen. Und wie wir uns als VeganerInnen verstehen wollen.

Ich bin es ehrlich gesagt auch satt, dass bei veganer Ernährung ständig von Avocado-Dipp, Bananensmoothie und Quinoa-Brei die Rede ist. Klar, das ist alles lecker, und wenn Leute dafür auf Salami verzichten, schön und gut. Aber das ist doch kein Konzept für die Zukunft!

Es geht mir nicht um Perfektionismus. Es geht mir überhaupt nicht um individuelles Konsumverhalten. Es ist ja nicht so, dass ich nie Avocados, Bananen oder anderen weitgereisten Quatsch kaufe. Und mir ist auch bewusst, dass sich in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht jeder Mensch regionale Bioprodukte leisten kann und dass deren Erzeugung auch kein Märchenland ist. Das ist ja alles Teil des Problems.

Es geht um die Vision. Über die müssen wir mal reden! Und über den Weg dahin. Die Frage ist: Wie wollen wir eigentlich leben? Wie uns gegenüber anderen Menschen und Tieren verhalten? Wie wollen wir Nahrungsmittel erzeugen? Wie wollen wir deren Verteilung organisieren? Und wie schaffen wir es, dass wir irgendwann über diese Dinge überhaupt eigene und vernünftige Entscheidungen treffen, anstatt wie jetzt nur als KonsumentInnen auf die Irrationalitäten des Marktes reagieren zu können?

Der Daiya-Käse aus Kanada im Extrakühlschrank im Kaiser’s bringt uns bei diesem Prozess jedenfalls keinen Schritt weiter. Vielleicht im Gegenteil.

Weidehaltung torpediert Moorschutz

Es wird ja gern behauptet, die Weidehaltung von Rindern sei eine besonders ökologische Weise der Landnutzung. Die neue top agrar (11/2014, S. 50f.) zeigt auch andere Seiten: In Niedersachsen wehren sich gerade LandwirtInnen, insbesondere von Milchbetrieben, gegen die Ausweisung von Vorranggebieten für den Moorschutz, weil sie dadurch ihre Existenz bedroht sehen. Weidehaltung torpediert Moorschutz weiterlesen

Veganes Blutvergießen und die Weidefleisch-Fiktion

Mit einem Artikel mit dem Titel “Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?” hat Paläo-Esser Felix Olschewski in der Veganszene viel Wind aufgewirbelt und viel wütende Kritik geerntet. Die ist zwar grundsätzlich berechtigt, wird aber teils auch der Komplexität der Sache nicht gerecht. Hiermit versuche ich mich also an einer weiteren Replik.

Alte Debatte
Zunächst ist zu bemerken, dass die von Olschewski vertretenen Thesen keineswegs neu sind. Bereits 2002 erschien im Journal for Agricultural and Environmental Ethics ein Artikel, in dem dafür argumentiert wurde, dass wir vor allem große Pflanzenfresser aus Weidehaltung verzehren sollten, wenn wir den geringstmöglichen Schaden für Tiere zum Ziel hätten. Die Argumente sind dieselben wie in Olschewskis Text, nur mit anderen Zahlen – weil die Getreideproduktion so viele Tiere töte, sollte man lieber Weidefleisch essen. Wenige Monate später wurde im selben Journal ein Aufsatz veröffentlicht, der einen Rechenfehler im ursprünglichen Artikel aufdeckte und mithilfe weiterer Überlegungen zum umgekehrten Schluss kam: Die fleischlose Ernährung beinhalte den geringsten Schaden für Tiere.
Wiederum pro Fleisch argumentiert Umweltaktivistin und Exveganerin Lierre Keith in ihrem Buch “The Vegetarian Myth” von 2009, das kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist. Olschewski könnte mehrere Überlegungen von ihr übernommen haben, u.a. die von ihr gebetsmühlenartig wiederholte These, man könne sich nicht ernähren, ohne dass jemand dafür stürbe, und man solle das akzeptieren und dann aus Umwelt- und Gesundheitsgründen Fleisch essen.

Wichtige Einsichten
Ich finde es wichtig zu bemerken, dass in dieser Debatte tatsächlich ein Teil Wahrheit steckt, den VeganerInnen gern übersehen: Es gibt so gut wie kein “tierleidfreies” Essen. Tatsächlich wird in jeder Form von Landwirtschaft Tieren geschadet – mindestens dadurch, dass sie von ihrem bisherigen Lebensraum vertrieben werden, den Menschen für sich als Ackerland beanspruchen. Wenn also behauptet wird, “vegan” stünde für “tierleidfrei”, dann ist das Quatsch. Das muss man anerkennen. Veganes Blutvergießen und die Weidefleisch-Fiktion weiterlesen