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Als Vertreterin der Tiere im Weltparlament

Was wäre, wenn die so genannten „Nutztiere“ politische Vertreter*innen in’s Parlament schicken könnten – was wären ihre Forderungen? Was wäre, wenn es nicht das deutsche Parlament wäre, sondern ein Weltparlament, wo lauter Akteur*innen sprechen, die heute keine politische Stimme haben? Das Theaterprojekt „General Assembly“ vom Schweizer Regisseur Milo Rau wird dieses Gedankenexperiment live vorführen – vom 3. bis 5. November in der Berliner Schaubühne.

Auf globaler Ebene existieren keine demokratischen Strukturen, die den Weltmarkt regulieren, völkerrechtliche Verstöße verfolgen oder ökologische Entwicklungen in sinnvolle Bahnen leiten könnten. Die »General Assembly«, die 60 Abgeordnete aus der ganzen Welt in Berlin versammelt, füllt mit ihrem Entwurf eines tatsächlichen Weltparlaments diese Leerstelle. In fünf Plenarsitzungen fragen die Abgeordneten der »General Assembly«, wo wir als Weltgemeinschaft stehen und was zu tun ist – sozial, ökologisch, technologisch, politisch. Was bedeutet politische Souveränität im Zeitalter der Globalisierung? Wie verhalten sich die Interessen der Weltbevölkerung zu den demokratischen Prinzipien der Nationalstaaten? Wessen Forderungen nach Unabhängigkeit, Würde und Glück können zu den Forderungen der ganzen Menschheit werden? An die Stelle eines Lokalparlaments tritt ein Globalparlament, das die Mitglieder der neu gewählten deutschen Regierung auffordert, sich anzuschließen. Das erste Weltparlament der Menschheitsgeschichte, begleitet von einer Gruppe internationaler politischer Beobachter, gipfelt in der Verabschiedung der »Charta für das 21. Jahrhundert«.

Zu den Nicht-Vertretenen in den normalen Parlamenten gehören natürlich auch die Tiere! Ich bin als Abgeordnete der Tiere in den Tierfabriken eingeladen, ihre Interessen in der General Assembly zu vertreten. Im Vorfeld habe ich einen Text geschrieben, der in einem kleinen Büchlein im Merve-Verlag erscheint – und den ich hier im Blog veröffentliche.

Hier ist noch ein sehr anregendes Interview mit Milo Rau.

Für die Tiere in den Tierfabriken – Beitrag zur General Assembly

Ich spreche für die fühlenden Tiere auf der ganzen Welt, die für die Erzeugung von Fleisch, Milch und Eier gefangengehalten, ausgebeutet und getötet werden. Dazu gehören die Hühner, Puten, Schweine, Rinder und viele andere Tiere, die in gigantischen Zucht- und Mastanlagen, in Feedlots und in maschinisierten Eier- und Milchfabriken unter elenden Bedingungen ihr kurzes Leben fristen müssen, die verstümmelt werden, indem ihnen die Schwänze, Schnäbel oder Hörner abgeschnitten oder ausgebrannt werden. Dazu gehören auch die Kühe, die in kleinen Milchbetrieben im Sommer auf die Weide dürfen, aber jedes Jahr ihrer Kinder beraubt werden.

Dazu gehören auch die Hühner, die vermeintlich glückliche Eier legen, aber von Großkonzernen produziert und mutterlos in großen Hallen aufgezogen wurden, und dazu gehören die Brüder dieser Hühner, die schon als Küken bei vollem Bewusstsein umgebracht wurden. Dazu gehören die Enten und Gänse, die nie schwimmen durften, die Kaninchen, die in kleinen Käfigen auf Drahtboden gemästet werden.

Dazu gehören viele weitere Tiere, die ihre natürlichen Bedürfnisse nach Gesundheit, Bewegung, Abwechslung oder Familienleben nicht ausleben können, weil sie nicht als fühlende Individuen zählen, sondern als Waren und Ressourcen zur Erzeugung von Produkten, die keiner braucht. Dazu gehören all die Tiere, die in Schlachtfabriken und Metzgereien brutal und oft unter grausigen Schmerzen um’s Leben gebracht werden.

Weltweit fallen pro Jahr über 60 Milliarden Landtiere, nämlich Säugetiere und Vögel, der Erzeugung von Fleisch, Milch und Eiern zum Opfer. Allein in Deutschland beläuft sich die Zahl auf über 750 Millionen jährlich geschlachtete Tiere.

Diese gigantische Ausbeutungs- und Tötungsmaschinerie wird von geltenden Gesetzen legitimiert sowie von den herrschenden Regierungen ideologisch und finanziell unterstützt und gefördert – und das, obwohl nicht nur die Tiere die Leidtragenden sind, sondern die Tierindustrie für weitere fatale Probleme wie prekäre Arbeitsbedingungen, Landraub für Futtermittel, Ressourcenverschwendung, Umweltzerstörung und nicht zuletzt den Klimawandel mit verantwortlich ist. All das kann auch nicht im Sinne der menschlichen Bevölkerung sein.

Hinzu kommt, dass die meisten Menschen die Grausamkeit gegenüber Tieren ablehnen und sich von Bildern aus der üblichen Tierhaltung geschockt zeigen. Zugleich liegt die Alternative klar auf der Hand: Eine pflanzliche Ernährung ist, wie die aktuelle Wissenschaft bestätigt, für alle Menschen möglich und sogar häufig mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden.

Dass trotz alledem die Tierindustrie nicht schrumpft, sondern im Gegenteil stetig wächst, lässt sich nur durch die herrschenden Machtverhältnisse und Interessenlagen erklären: Wenige große und international tätige Unternehmen geben in der Tierindustrie den Ton an, profitieren von der Gewalt und beeinflussen über ihre Lobbyinstitutionen die Bevölkerung und die Politik.

Die Tiere selber haben keine Möglichkeit, sich gegen dieses Unrecht aufzulehnen und für ihre Befreiung aus der Unterdrückung einzutreten – auch wenn immer wieder einzelne Tiere aus Ställen und Schlachthöfen ausbrechen und verzweifelt ihre Freiheit und ihr Leben zu retten versuchen. Sie haben gegen die Übermacht der Menschen und ihrer Nutzungsinteressen keine Chance. Die Ausgebrochenen werden gewöhnlich kurzerhand erschossen.

Deshalb brauchen die Tiere uns Menschen, die für ihre Bedürfnisse und Rechte kämpfen. Es ist nicht fair, fühlende Wesen wie Waren und Produktionsmittel zu handeln, einzusperren, zu verstümmeln, ihre Körper auszubeuten, ihre Familien zu zerstören, ihre Bedürfnisse zu missachten und sie schlussendlich gewaltsam zu töten – das sagt uns nicht nur ein gesunder Sinn für Gerechtigkeit, sondern auch unser Mitgefühl klar und deutlich, sobald wir uns trauen, darauf zu hören.

Ich fordere daher im Namen der Tiere: Die Generalversammlung möge sich dazu bekennen, dass Rinder, Schweine, Hühner und viele andere Tiere fühlende Wesen sind, die unseren Respekt und unsere Rücksicht verdienen. Die Generalversammlung möge außerdem anerkennen, dass es mit solchem Respekt und Rücksicht nicht vereinbar ist, die Bedürfnisse und Interessen von Tieren für die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern zu verletzen, zumindest solange eine andere Nahrungsmittelversorgung möglich ist.

Die General Assembly möge daher alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen ergreifen, um erstens der Tierindustrie die Unterstützung zu entziehen und deren Macht zu verkleinern, um zweitens das Bewusstsein für das Leid und das Verständnis für die Interessen der Tiere in der Bevölkerung zu vergrößern, und um drittens eine Umstellung der gesamten Ernährungswirtschaft weg von der Tierproduktion und hin zu einer pflanzlichen – und ökologischen – Landwirtschaft voranzutreiben.

Weitere Texte von anderen Abgeordneten: https://www.merve.de/index.php/book/show/509
Mehr über die General Assembly: http://www.general-assembly.net/

Neu: Tagesseminare

Ab Dezember biete ich verschiedene Tagesseminare an, in denen es zunächst um ethische und politische Fragen zum Mensch-Tier-Verhältnis gehen wird – für alle Menschen, die mehr zu diesen Fragen erfahren und Theorien und Argumente diskutieren möchten! Die Teilnahmegebühr richtet sich nach dem Einkommen der Teilnehmenden, um es möglichst fair zu gestalten. Alle Themen, Termine und Preise gibt es hier: https://friederikeschmitz.de/veranstaltungen/tagesseminare/

Veranstaltung in Berlin: Buchvorstellung und Party, 28. März

Ort: Bar Schloss Neuschweinsteiger, Emserstr. 122/123, Berlin-Neukölln
Der Eintritt ist frei.

20 Uhr: Vorstellung des Sammelbandes durch die Herausgeberin Friederike Schmitz + Diskussion
22 Uhr: Feierei zum Erscheinen des Buches mit hoffentlich vielen der ÜbersetzerInnen und anderen HelferInnen

Klappentext Buch: Ist es legitim, nichtmenschliche Tiere für unsere Zwecke zu nutzen? Sie gefangen zu halten, zu töten oder Experimente mit ihnen anzustellen? In der vergleichsweise jungen philosophischen Disziplin der Tierethik werden je nach zugrunde gelegter Moraltheorie verschiedene Argumente vorgebracht, mit denen unsere gegenwärtigen Umgangsweisen mit Tieren gerechtfertigt oder – in den meisten Fällen – scharf kritisiert werden. Der Band versammelt – größtenteils erstmals in deutscher Übersetzung – die wichtigsten Beiträge zu dieser Debatte, u. a. von Tom Regan, Gary Francione, Martha Nussbaum, Cora Diamond, Christine Korsgaard und Will Kymlicka.
Mehr Infos + Leseprobe hier.