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Meine Landwirtschaft der Zukunft

Bei einer Podiumsdiskussion in Potsdam war ich eingeladen, in zehn Minuten eine Vision für die Zukunft der Landwirtschaft und Tierhaltung (in Brandenburg) zu formulieren. Hier ist der Text, den ich vorgetragen habe. Er hat drei Teile. Erstens beschreibe ich meine Idealvorstellung von einer rosigen Zukunft. Dabei kann man sich natürlich fragen, wie realistisch sie ist. Machbar ist sie aber auf jeden Fall. Warum ich sie für sehr wünschenswert halte, erkläre ich im zweiten Teil. Daraus leite ich dann drittens ein paar Mindestforderungen ab, die, wie ich hoffe, auch aus anderen Perspektiven nachvollziehbar sein könnten. Und damit beantworte ich auch schon die Frage, was jetzt geschehen muss, damit wir diesen Veränderungen näher kommen.

1. Utopie

Quelle: Elina Mark

In meiner Utopie gibt es keine so genannten Nutztiere mehr.

Kein Tier wird mehr gefangengehalten, verletzt, in seinen Bedürfnissen eingeschränkt oder getötet, nur damit wir Kuhmilch trinken, Eier oder Fleisch essen können. Wir Menschen ernähren uns gesund rein pflanzlich – wir essen sehr viel frisches Gemüse und Obst, Getreide, Hülsenfrüchte und Nüsse. Ganz nebenbei gehen dadurch auch viele Zivilisationskrankheiten wie Diabetes 2, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück, die durch übermäßigen Konsum von tierischen Fetten und Eiweiß befördert werden.

Ja, wir müssen Vitamin B12 künstlich zuführen. Aber bevor Sie das jetzt unnatürlich finden, denken Sie daran, dass zur Zeit die Nutztiere das Vitamin als Futterzusatz bekommen und wir es daher, wenn wir Fleisch essen, auch nur über einen Umweg zu uns nehmen.

Quelle: Land der Tiere

Weil die Tierhaltung Stück für Stück zurückgebaut wurde und einfach immer weniger Tiere gezüchtet wurden, gibt es sehr viel weniger domestizierte Tiere. Natürlich sind noch ein paar Haushühner, Hausschweine und Rinder übrig. Die leben in größtmöglicher Freiheit auf einigen Lebenshöfen, wo sie gut versorgt werden und wo Menschen Ausflüge hin unternehmen, um sie zu beobachten und mit ihnen auf freiwilliger Basis zu interagieren. Die Tiere müssen nicht um ihr Leben fürchten, je nach Kapazitäten des Lebenshofes können sie auch Nachwuchs bekommen, diesen selbst versorgen und Familienleben genießen.

Wir bauen alle Nahrungsmittel ökologisch an, häufig nach agrarökologischen und Permakultur-Prinzipien und natürlich weitgehend ohne den Dung von Tieren. Wir düngen gezielt mit Kompost, Hülsenfrüchten, Jauchen, Grasschnitt und anderem organischen Material. Außerdem haben wir die Methoden verbessert, auch menschliche Ausscheidungen gefahrlos wieder aufs Feld zu bringen; insbesondere Stickstoff und Phosphor aus dem Urin sind wichtig für die nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Man muss dabei bedenken, dass auch die Tiere heute diese Nährstoffe nicht selber herstellen, sondern nur aus dem Futter aufnehmen und dann ausscheiden.

Quelle: PlantAge

Meine Utopie hat noch einen zweiten Aspekt, der mit dem ersten letztlich eng zusammenhängt. Er lautet:

Der Anbau der Nahrungsmitteln ist weitgehend lokal und in überschaubaren Gemeinschaften auf Solidarprinzip organisiert.

Also jedes Dorf, jeder Stadtteil oder jeder Kiez kooperiert direkt mit Landwirtschafts- und Handwerksbetrieben, die frisches Gemüse und Obst, aber auch verarbeitete Produkte, Brot, Nudeln, Öl, Nüsse, Konserven usw. liefern. Häufig sieht die Kooperation vor, dass viele Mitglieder selbst eine gewisse Zeit auf dem Hof oder zB in der Backstube mithelfen. Aber es gibt auch sehr viel mehr Leute, die vollzeit in der Landwirtschaft und in der Verarbeitung tätig sind – aufgrund der veränderten Bedingungen sind das wieder sehr attraktive Jobs. Dafür wird sehr viel weniger Energie verbraucht. Da alle Mitglieder einer Verbrauchsgruppe zwar je nach ihren Möglichkeiten, aber insgesamt einen großen Teil ihres Einkommens für die Lebensmittel bezahlen – wenn es überhaupt noch Geld gibt – bekommen auch die Vollzeit-Kräfte ein gutes Gehalt. Die Entscheidungen darüber trifft die Verbrauchsgruppe mit den Erzeuger_innen gemeinsam und konsensorientiert. Produkte wie Kaffee, Schokolade, Palmfett oder Bananen, die nicht lokal erzeugt werden können, werden in viel geringerem Maße verzehrt; dafür findet ein Handel zwischen Zusammenschlüssen von Verbrauchsgruppen hierzulande und Erzeugerkooperativen in den Herstellungsländern statt, der direkte und faire Handelsbeziehungen gewährleistet. Denn natürlich sind in der Utopie die Verhältnisse global gerecht geworden.

2. Gründe

Warum diese Utopie? Zunächst zum ersten Aspekt: Warum keine Nutztiere? Ich denke, dass Schweine, Schafe, Rinder und auch Hühner und Puten fühlende Wesen sind, die ihre eigenen Bedürfnisse und Zwecke haben, und dass es nicht in Ordnung ist, sie für unsere Ernährung zu verletzen, einzusperren und zu töten – mindestens dann, wenn es auch anders geht. Wie schlimm es in der Intensivtierhaltung aussieht, ist hier ja allseits bekannt.

Aber ich denke, dass wir auch in alternativen Haltungsformen den eigentlichen Bedürfnissen der Tiere bei Weitem nicht gerecht werden.

Industriebio ist das eine Problem – da sind die Bedingungen ja gar nicht so viel anders, wenn zum Beispiel die Hühner auf engem Raum leben, sich gegenseitig picken, Ausläufe nicht nutzen können usw.

Schweine bei Bioland. Quelle: ARIWA.

Aber viele Aspekte, die ich an der Nutztierhaltung falsch finde, betreffen die allermeisten und auch kleinere Biobetriebe. Auch da werden die Kälber sofort von den Müttern getrennt, die Milchkühe leben nur wenige Jahre, die Mastrinder noch kürzer, auch die meisten Bioschweine haben nur einen kleinen betonierten Außenbereich zur Verfügung, wo sie weder wühlen noch suhlen noch ihre Neugier befriedigen können. Gewiss, es geht dann immer noch besser – muttergebundene Aufzucht, Schweine auf der Wiese und im Wald, Kleinstgruppen von Hühnern usw. Aber wie viel können wir damit realistisch erzeugen? Und auch dabei bleibt das Tier dem jeweiligen Produktionszweck untergeordnet – der Tierarzt wird zum Beispiel nur geholt, wenn es sich wirtschaftlich noch lohnt. Und natürlich wird jedes so genannte Nutztier gegen seinen eigenen Lebenswillen gewaltsam getötet, sobald das eben wirtschaftlich sinnvoll ist.

Studie „Grazed and confused?“.

Aus meiner Sicht müssen wir auch aus Umwelt- und Klimagründen aus der Tierhaltung aussteigen.

Bekanntlich ist ja die globale Tierproduktion für mind. 15 % der Treibhausgase verantwortlich, etwa so viel wie der gesamte Verkehr. Die Tierhaltung ist außerdem ein Hauptfaktor bei Entwaldung, Stickstoffeintrag, Phosphorproblematik etc. pp. Und nicht nur die Intensivtierhaltung ist das Problem. Die extensive Tierhaltung ist durch ihren Flächenverbrauch und ihre relative Ineffizienz auch ein massives Umweltproblem. Und an der Idee, dass die richtige Weidehaltung von Kühen das Klima schütze, ist neuesten Studien zufolge auch kaum etwas dran. Ohne Nutztiere können wir auf weniger Land mehr Nahrung für Menschen erzeugen.

Und warum kleine Gemeinschaften mit Konsens-Entscheidungen auf Solidarprinzip?

Weil kapitalistische Verhältnisse und die Steuerung über mächtige Konzerne und den Markt zu den zentralen Ursachen dafür gehören, dass so viel Naturzerstörung und Ausbeutung stattfindet.

Wer billiger produziert, wer mehr produziert, gewinnt – das ist ja Logik des Marktes, zumal dann noch auf globaler Ebene. Diese Grundstruktur führt dazu, dass der gewinnt, der mehr ausbeutet. Es ist illusorisch, in Anbetracht dieser Grundstruktur darauf zu hoffen, dass die Leute in relevanter Zahl durch Aufklärung in Zukunft “ethischer” konsumieren werden. Dafür sind die Leute in der heutigen Gesellschaft mit zu viel anderem beschäftigt und wahrscheinlich auch zu eigennützig. (Sie sehen, meine Utopie beruht nicht auf einem naiv-positiven Menschenbild.) Und politische und gesetzliche Rahmenbedingungen können diese Grunddynamik höchstens bremsen, nicht aufheben. Deshalb müssen die Entscheidungen darüber, was und wie produziert wird, von allen Betroffenen gemeinsam getroffen werden – also Konsument_innen und Produzent_innen zusammen, nicht vermittelt über profitorientierte Konzerne und den anonymen Markt. Nur so können einerseits faire Entlohnung und andererseits vernünftige Produktionsmethoden umgesetzt werden.

Das ist zugegeben eine radikale Vision. Das muss aber gar nichts Schlechtes sein, schließlich kommt das Wort „radikal“ von radix, die Wurzel – man geht an die Wurzel der Probleme und schlägt grundlegende Änderungen vor. Vielen von Ihnen gehen die Forderungen aber sicher zu weit. Verstehe ich, obwohl’s sehr schade ist. Wenn’s um gemeinsame Entscheidungen geht, muss man natürlich auch Kompromisse machen können – allerdings eigentlich erst, nachdem man die Positionen wirklich gut diskutiert hat, was wir ja jetzt noch nicht haben. Trotzdem schonmal: Was wären drittens meine Mindestforderungen, mit denen ich einen Kompromiss verhandeln könnte? Und was wären für mich erstrebenswerte Zwischenziele?

3. Mindestforderungen und Schritte

Wiederum zuerst zum Thema Nutztierhaltung: Massiv runterfahren.

Also wirklich die Menge reduzieren, nicht immer nur über die Umstellung auf Bio reden.

Damit weniger Tiere leiden, aber auch um die Umwelt- und Klimafolgen zu reduzieren. Und das natürlich möglichst schnell. Also keine neuen Anlagen, und ein Rückbau der Bestehenden. Da spielen auch die Bürgerinitiativen gegen Bauvorhaben eine wichtige Rolle. Es müssen dazu alternative und attraktive Möglichkeiten für die jeweiligen Landwirt_innen geschaffen werden, die sich ja zur Zeit immer nur als Verlierer sehen.

Zugleich muss natürlich der Konsum von Tierprodukten runtergehen, sonst ist wieder nichts gewonnen. Die pflanzliche Ernährung muss also massiv gefördert werden – dafür können wir alle uns auf vielen Ebenen einsetzen, und auch „die Politik“ kann über Steuerregelungen, Förderungen, Infokampagnen und vieles mehr einiges tun.

Quelle: Gemeinschaftsgärtnerei Wildwuchs

Und zum Thema Organisation:

Hier ist alles gut, was Großkonzerne und Markt entmachtet, was Entscheidungskompetenzen auf niedrigere Ebenen verlegt und was Konsument_innen und Produzent_innen zusammenbringt.

Solidarische Landwirtschaften sind Modellprojekte, aber noch Nischen. Da werden natürlich in vielen Fällen (noch?) Tiere ausgebeutet, aber die Tierrechtsfrage kann dort ganz anders diskutiert werden als im Supermarkt, wo eben gar kein Ansprechpartner dafür da ist.

Stadt- und Gemeinschaftsgärten, Äcker in Schule und Kindergarten, kooperativ organisierte Betriebe und Supermärkte gehen auch genau in die richtige Richtung.  Hier ist die große Frage, wie weit sich die Landwirtschaft quasi innerhalb des Gesamtsystems überhaupt ändern kann, schließlich ist sie eingebunden in größere kapitalistische Märkte und europäische und globale Handelsbeziehungen. Daher brauchen wir vielleicht auch für die Agrarwende die große antikapitalistische Revolution.

In jedem Fall denke ich, dass wir nur dann eine Chance haben, tatsächlich wirksam etwas zu ändern, wenn sich viele Leute von unten organisieren – wie es in den Bürgerinitiativen ja schon geschieht. Genau davon brauchen wir viel, viel mehr. Wir alle, die wir uns eine gerechtere und schönere Welt wünschen, für Menschen und auch für Tiere und die Natur, wir müssen da selber mit anpacken. Wir dürfen uns nicht auf die Parteien, schon gar nicht auf die Wirtschaft verlassen. Wir müssen selber den Wandel voranbringen – sowohl durch Protest und Widerstand, als auch durch Aufbau von Alternativen.

Denn wenn wir es nicht tun, wird es nicht passieren.

„Vegane Hundeernährung? Die armen Tiere!“

Wer aus Tierschutzgründen gegen eine vegane Ernährung von Hunden ist, hat wahrscheinlich nicht an alle betroffenen Tiere gedacht. Kritiker*innen der veganen Hundeernährung müssen mindestens zugestehen, dass aus ethischer Sicht eine Zwickmühle vorliegt.

„Einen Hund vegan zu ernähren, ist nicht artgerecht!“ – „Ihr zwingt dem Tier eure Ideologie auf!“ – „Wenn der Hund frei entscheiden könnte, würde er doch Fleisch essen!“ – „Das arme Tier!“

Das sind recht häufig anzutreffende Meinungen zu vegan ernährten Hunden. Folgendes möchte ich zu den Menschen sagen, die diese Meinungen vertreten.

Ich finde Ihre Sichtweise bemerkenswert, und zwar aus folgendem Grund: Sie argumentieren ethisch im Sinne des Hundes – also es geht hier nicht um die Bedürfnisse, Profitinteressen oder Bequemlichkeiten von Menschen wie sonst beim Fleischkonsum, sondern um das Wohl von Tieren.

Rennender_Hund_2Sie gehen offenbar davon aus, dass es nicht in Ordnung ist, ein Tier – in diesem Fall einen Hund – an einem artgerechten Leben zu hindern, einem Tier eine Ideologie aufzuzwingen und seine Entscheidungsfreiheit einzuschränken.

In Anbetracht dessen äußern Sie auch Mitgefühl oder Empörung angesichts der Behandlung des Hundes, die aus Ihrer Sicht ungerecht ist. Nehmen Sie diese ethischen Prinzipien wirklich ernst? Denn wenn ja, müssten Sie diese doch auch auf andere Tiere anwenden, oder nicht? Schließlich gibt es keinen Grund, warum ein Hund – zumal ein Hund, den Sie gar nicht kennen – mehr zählen sollte oder höhere Ansprüche geltend machen könnte als ein Schwein oder ein Rind. Stimmen Sie soweit zu?

Dann müssten Sie doch anerkennen, dass Ihre Prinzipien in der Produktion von Fleisch und anderen Tierprodukten systematisch gebrochen werden. „Vegane Hundeernährung? Die armen Tiere!“ weiterlesen

Mail einer Biobäuerin

Folgende Mail wurde schP1050981on vor einigen Wochen von einer Biobäuerin aus Süddeutschland an den Verein „Die Tierbefreier e.V.“ geschickt. Ich finde einige Punkte durchaus bedenkenswert und die Themen generell diskussionswürdig, weshalb ich die Mail hier (mit Einverständnis der Autorin) veröffentliche. Im Anschluss sind meine Überlegungen und Kommentare dazu. Mail einer Biobäuerin weiterlesen

Tierbefreiung: Was ist damit gemeint und wie wird es begründet?

Im März habe ich bei der jährlichen „Tierschutztagung“ in der Evangelischen Akademie Bad Boll ein Streitgespräch mit Prof. Kunzmann über „Tierrechte oder Tierwohl?“ geführt, in dem ich viel über „Tierbefreiung“ und die Abschaffung der Nutztierhaltung gesprochen habe. In folgendem Text, der mit anderen Dokumenten zum Inhalt der Tagung für die TeilnehmerInnen online zugänglich gemacht wurde, habe ich meine Position nochmal erläutert.

Ich verstehe mich als Aktivistin der Tierbefreiungsbewegung und trete für Tierbefreiung ein. Dieser Begriff ist erläuterungsbedürftig. Die Forderung ist nicht, dass sofort alle Tiere, die in menschlicher Obhut leben, freigelassen werden. Ich denke auch nicht, dass alles Zusammenleben oder gar aller Kontakt von Menschen und Tieren aufhören muss. Stattdessen ist das Ziel, dass die Tiere aus dem bestehenden Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnis befreit werden: Dass sie nicht mehr von Menschen unter Missachtung ihrer eigenen Bedürfnisse genutzt und getötet werden.

Wer Tierbefreiung fordert, fordert daher ein Ende aller „Nutztier“-Haltung in der Nahrungsmittelproduktion, ebenso ein Ende von Tierversuchen, von Zoos, von Tiernutzung im Zirkus, im Pferdesport und in vielen anderen Bereichen. Auch der allergrößte Teil der Heimtierhaltung ist mit einer fairen Berücksichtigung der Bedürfnisse von Tieren nicht vereinbar. Es ist aus meiner Sicht allerdings durchaus denkbar, dass manche Arten des Zusammenlebens von Menschen und Tieren – insbesondere mit Hunden – unter ganz bestimmten Bedingungen vertretbar sind.

Die Forderung nach Tierbefreiung kann auf verschiedene Weisen begründet werden. Eine Weise will ich hier vorstellen. Für meine Argumentation beziehe ich mich nur auf die Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft.

Der erste Schritt ist die Anerkenntnis, dass viele Tiere, darunter die typischen „Nutztiere“, empfindende Lebewesen sind, d.h. dass sie Bewusstsein haben und Schmerz und Leid ebenso wie Freude und Zufriedenheit erfahren können. Das wird wohl gerade unter TierärztInnen niemand bestreiten.

Mit dem Bewusstsein und der Empfindungsfähigkeit geht dann ein Anspruch auf ethische Berücksichtigung einher: Wir müssen die Auswirkungen unseres Handeln auf Tiere bedenken, insofern sie unter diesen Auswirkungen leiden können. Auch dies wird kaum jemand bestreiten, da ja kaum jemand behauptet, dass Tiere ethisch überhaupt nicht zählen und wir Beliebiges mit ihnen anstellen dürfen. Tierbefreiung: Was ist damit gemeint und wie wird es begründet? weiterlesen

Veganer Käse aus Kanada – echt jetzt?

Ich find’s ja gut, dass es immer mehr vegane Produkte auch in normalen Läden gibt. Ich bin ja einverstanden, dass es innerhalb des Kapitalismus besser ist, wenn die Tierindustrie weniger und die Hersteller pflanzlicher Nahrungsmittel mehr Geld bekommen. Aber man muss sich doch auch fragen, wo wir eigentlich hinwollen.

Heute war ich im Kaiser’s an der Hermannstraße in Neukölln. Da gibt es jetzt ein kleines Regal von Veganz plus einen Kühlschrank. Darin: Milchfreier Streukäse der Firma Daiya für 5,99 Euro pro 223 Gramm, importiert aus Kanada. Und große Gläser Mayonnaise, importiert aus den USA. Als ich kürzlich im Veganz war, habe ich schon über die langen Tiefkühltruhen mit den pflanzlichen Fleischprodukten gestaunt – importiert aus Kanada.

Leckerer pflanzP1050957licher Käse wird auch schon in Europa produziert. Pflanzenfleisch auch und vegane Mayo allemal. Die Sachen im Veganz-Regal sind noch nicht mal bio. Ernsthaft, kann mir jemand sagen, was daran noch irgendwie öko oder nachhaltig ist?

Wer denkt eigentlich, auch bei VeganerInnen, wirklich daran, dass die industrielle Landwirtschaft – z.B. die Erzeugung von Weizen – für Umwelt und auch für Wildtiere ziemlich katastrophal ist? Mineraldünger, Pestizide, da war doch mal was?

Für mich zeigt das Ganze einmal mehr, wie irrational der Kapitalismus ist. Natürlich auch in der veganen Variante. Wenn wir uns zusammensetzen und vernünftig überlegen würden, was wir für Nahrungsmittel brauchen und wie wir die am besten beschaffen, würde doch niemand auf die Idee kommen, Pflanzenfett von sonstwo in Kanada zusammenzurühren, um es dann nach Berlin zu transportieren, oder?

Dieser Irrationalismus begegnet einem ja überall. Zum Beispiel: In der Diskussion um TTIP wird als Pro-Argument für das Freihandelsabkommen angeführt, dass sich das Handelsvolumen zwischen den USA und Europa verdoppeln würde. Doppelt so viele Containerschiffe, doppelt so viele Flugzeuge, um Zeug hin- und herzubewegen, das zu wahrscheinlich 99% auch im jeweils eigenen Kontinent hergestellt wird und das man zu 100% zu einem guten Leben nicht braucht?

Zurück zum Daiya-Käse im Kaiser’s. Ich will klarerweise nicht sagen, dass wir lieber Kuhkäse essen sollten. Ich will sagen, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir eigentlich auf diesem Planeten leben wollen. Und wie wir uns als VeganerInnen verstehen wollen.

Ich bin es ehrlich gesagt auch satt, dass bei veganer Ernährung ständig von Avocado-Dipp, Bananensmoothie und Quinoa-Brei die Rede ist. Klar, das ist alles lecker, und wenn Leute dafür auf Salami verzichten, schön und gut. Aber das ist doch kein Konzept für die Zukunft!

Es geht mir nicht um Perfektionismus. Es geht mir überhaupt nicht um individuelles Konsumverhalten. Es ist ja nicht so, dass ich nie Avocados, Bananen oder anderen weitgereisten Quatsch kaufe. Und mir ist auch bewusst, dass sich in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht jeder Mensch regionale Bioprodukte leisten kann und dass deren Erzeugung auch kein Märchenland ist. Das ist ja alles Teil des Problems.

Es geht um die Vision. Über die müssen wir mal reden! Und über den Weg dahin. Die Frage ist: Wie wollen wir eigentlich leben? Wie uns gegenüber anderen Menschen und Tieren verhalten? Wie wollen wir Nahrungsmittel erzeugen? Wie wollen wir deren Verteilung organisieren? Und wie schaffen wir es, dass wir irgendwann über diese Dinge überhaupt eigene und vernünftige Entscheidungen treffen, anstatt wie jetzt nur als KonsumentInnen auf die Irrationalitäten des Marktes reagieren zu können?

Der Daiya-Käse aus Kanada im Extrakühlschrank im Kaiser’s bringt uns bei diesem Prozess jedenfalls keinen Schritt weiter. Vielleicht im Gegenteil.

Drauf warten, dass die Zahl der Veganer steigt?

Heute ist in der ZEIT ein Streitgespräch zwischen Herwig Grimm aus Wien und mir erschienen. Und obwohl ich an mehrfachen Überarbeitungen beteiligt war, ist mir jetzt erst aufgefallen, dass ich an einer Stelle doch ganz anders hätte antworten sollen. Herwig Grimm sagt nämlich:

“Im Sinne der Schadensbilanz dürften Sie mehr erreichen, wenn Sie die Landwirte überzeugen, ihre Tiere besser zu halten, als wenn Sie darauf warten, dass die Zahl der Veganer steigt, die derzeit nur rund ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen. […]”

Darauf ich (u.a.):

“Die Zahl der Veganer steigt doch derzeit rasant.”

Damit wollte ich primär Grimms Aussage kontern, die so klingt, als täte sich an dieser “Front” überhaupt nichts. Aber viel wichtiger wäre gewesen, darauf hinzuweisen, dass ein bloßes Warten auf das Zunehmen der Zahl der Veganer tatsächlich nicht besonders sinnvoll ist. Mal abgesehen davon, dass Grimm in seinem Statement eine aktive Handlung mit einer passiven Haltung vergleicht und man es daher leicht umdrehen könnte – d.h. sagen könnte, es sei aussichtsreicher, Leute zu überzeugen, Veganer zu werden, anstatt darauf zu warten, dass die Landwirte ihre Tiere besser halten – ist es problematisch, den Fokus des Engagements für Tierrechte allein auf die Erhöhung des Veganeranteils zu legen. Wie in der ZEIT ganz oben auf derselben Seite angemerkt, wird hierzulande bereits weniger Fleisch gegessen, aber immer mehr produziert – für den Export. Überhaupt wird die Rolle der Nachfrage für die Entwicklung der Produktion leicht überschätzt. Es ist daher entscheidend, nicht nur auf den Konsum zu schauen, sondern eine starke soziale Bewegung zu schaffen, die direkt Einfluss auf die Produktion nimmt.
Auch darauf muss man nicht warten, sondern man kann heute damit anfangen. Indem man sich zum Beispiel direkt gegen den Neubau von Mastanlagen, gegen Schlachthöfe oder Tierversuchslabore engagiert.
Zur Zeit werden überall in Deutschland neue Tierfabriken geplant und auch ohne viel Aufsehen genehmigt, sofern es keinen Widerstand dagegen gibt. Während gutsituierte Städter veganen Cappuccino schlürfen, werden Millionen Tiere in neuen Anlagen eingestallt, abtransport, getötet und verkauft, hier und anderswo. Daher der Aufruf: Werdet Teil der Tierbefreiungsbewegung und tragt den Protest gegen die Ausbeutung und Gewalt gegen Tiere vom veganen Café an die Orte des Geschehens!

Was nicht heißen soll, dass eine Erhöhung des Veganeranteils nicht gut wäre – ich freue mich über jeden Euro, der nicht in diese Industrie fließt. Und auch für die Tierbefreiungsbewegung selbst ist es umso besser, je mehr Veganer es gibt, denn desto mehr Leute gibt es, die gegenüber der Tierausbeutung schon sehr kritisch sind. Aber noch besser wär’s, wenn die alle auch politisch aktiv würden!
Hier sind ein paar Links zu entsprechenden Gruppen:

Tierrechte, Multikulturalismus und die politische Linke

(PDF) Die TierrechtsphilosophInnen Will Kymlicka und Sue Donaldson versuchen die Frage zu beantworten, warum das Thema Tierrechte und Tierbefreiung eine so geringe Rolle innerhalb der politischen Linken in Nordamerika spielt. Ihre Überlegungen sind zwar nicht eins zu eins übertragbar auf den deutschsprachigen Raum, aber mit Sicherheit auch für die hiesige Bewegung interessant und bedenkenswert. Deshalb gebe ich hier eine Darstellung wesentlicher Thesen aus dem von Kymlicka gehaltenen Vortrag bzw. dem von Kymlicka und Donaldson zusammen verfassten Paper. 1

Tierrechte müssten eigentlich ein paradigmatisch linkes Thema sein, meinen K&D. Ganz analog zu anderen sozialen Bewegungen wie der Frauenbewegung, dem Gay Rights Movement oder der antirassistischen Bewegung ginge es der Tierrechtsbewegung darum, einer bislang unterdrückten Gruppe zur Gleichberechtigung zu verhelfen. Gleichwohl sei das Thema Tiere innerhalb der politischen Linken nahezu unsichtbar. Woran liegt das? K&D diskutieren verschiedene Gründe, aus denen Linke geneigt sein könnten, Tierrechte nicht in ihre Agenda aufzunehmen oder sogar politisch zu bekämpfen. Während sie mehrere Gründe als gänzlich unüberzeugend zurückweisen, halten sie andere für ernstzunehmend und diskussionswürdig: Es gebe eine berechtigte Sorge, dass manche Kampagnen zugunsten von Tieren bestimmten marginalisierten und unterdrückten Menschengruppen schadeten, indem sie rassistische Vorurteile verstärkten und einen weißen Mittelklasse-Standpunkt privilegierten. Die Tierrechtsbewegung solle dieser Gefahr gegenüber sensibel sein und sich entsprechend politisch verhalten. Allerdings sei diese Problematik letztlich – entgegen der Befürchtungen vieler Linken – ein Grund für die Annahme einer Tierrechtskonzeption im Unterschied zu einer bloßen Tierschutzkonzeption, wie sie zur Zeit in der Gesellschaft vorherrschend sei. Das gängige Tierschutzparadigma sei nämlich nicht nur katastrophal für Tiere, sondern auch schädlich für gesellschaftlich benachteiligte Menschen, insofern es erlaube, die Praktiken von Minderheiten als besonders grausam oder „barbarisch“ zu brandmarken, einfach weil sie nicht der gesellschaftlich akzeptierten Normalität der Tierausbeutung entsprächen. Tierrechte, Multikulturalismus und die politische Linke weiterlesen

Nervige VeganerInnen (Leserbrief)

Im aktuellen SPIEGEL ist ein Artikel mit dem Titel “Die Besser-Essis”, Autor Carsten Holm, dessen Anfang so lautet:

(Der komplette Text ist hier: Link)

Guten Tag Herr Holm,

ich freue mich über Ihren Artikel, da Sie viele positive Aspekte der veganen Lebensweise darstellen, viele verschiedene Persönlichkeiten zu Wort kommen lassen und sogar ein paar der zentralen Gründe für die vegane Lebensweise nachvollziehbar darstellen.

Geärgert habe ich mich aber sehr über den Anfang des Artikels, weil Sie da — wie die meisten Leute, die über Veganismus schreiben — wieder einmal die abgegriffensten Klischees wiederkäuen.

Meiner Einschätzung nach hat sich an den VeganerInnen in den letzten Jahren vor allem eins geändert: dass sie mehr geworden sind. Das führt dazu, dass viele Menschen mittlerweile die Gelegenheit bekommen haben, mit einer Veganerin oder einem Veganer auch mal zu sprechen, und desto schwerer wird es, die Klischees von ihnen aufrechtzuerhalten. Zumal natürlich durch die größere Anzahl auch die Vielfältigkeit größer geworden ist: es gibt eben solche und solche. In allen Bereichen gibt es Leute, die gern diskutieren und versuchen, andere für ihre Sache zu gewinnen — wenn man gute Gründe für eine Lebensweise hat, finde ich das auch recht natürlich. Es gibt auch immer Leute, die lieber durch Vorleben begeistern oder denen es gar nicht wichtig ist, ob andere sich auch so verhalten wie sie. Nervige VeganerInnen (Leserbrief) weiterlesen