Alternativen statt Lösungen! Rezension

auskontrolliertemraubbau2Kathrin Hartmanns Buch „Aus kontrolliertem Raubbau“ beginnt mit der Beschreibung einer Realsatire: Der Deutsche Nachhaltigkeitstag im Jahr 2013. Die Industrie feiert sich selbst für Umweltschutz und Ressourcenschonung – begleitet von einem Showprogramm mit aus den USA eingeflogenen Stars und einem Festessen, das ausschließlich aus Fisch und Fleisch besteht.  Unter den Gästen wie den Sponsoren sind zahlreiche Großkonzerne, die nicht gerade für ihr Öko-Engagement bekannt sind – Unternehmen wie Bayer, BMW, Coca-Cola, Henkel, Lufthansa, Siemens oder Unilever. Diese Unternehmen verdienen Geld durch gigantischen Verbrauch von Ressourcen und Energie im Rahmen des kapitalistischen Wachstumsmodells, das bis heute in Politik und Wirtschaft unhinterfragtes Dogma ist, ungeachtet all der fundierten Kritik daran. Beim Nachhaltigkeitstag wird auch ein Nachhaltigkeitspreis verliehen. 2012 bekam ihn die Firma Unilever für „Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategie“. Unilever ist weltweit der größte Verbraucher von Palmöl, für das in Südostasien der Regenwald abgeholzt wird.

In den folgenden Kapiteln schildert Hartmann sehr eindrücklich die Auswirkungen der Palmölindustrie in Indonesien. Neben der Darstellung der Realität vor Ort geht es Hartmann insbesondere darum zu zeigen, wie dieses brutale Geschäft durch staatlich geförderte Industrieinitiativen wie den „Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl“ schöngeredet wird – während diese Initiativen praktisch so gut wie nichts an der Praxis der Konzerne ändern, die darin besteht, sich Land anzueignen, das anderen gehört, diese anderen vertreiben, verprügeln oder ermorden zu lassen und nachher aus der so malträtierten Landbevölkerung noch billige Arbeitskräfte für die eigenen Plantagen zu rekrutieren. Auch wenn man schon eine Ahnung hatte, wie schlimm die Menschenrechtsverletzungen und die Umweltzerstörung sind, die mit der Herstellung bestimmter Produkte einhergehen, ist die Lektüre der direkten Schilderung schockierend. Entsprechend aufrüttelnd ist die Einsicht in das Ausmaß des Greenwashings, das von Wirtschaft und Politik betrieben wird.

Zu den weiteren Schwerpunkten des Buches gehört eine ebenso schockierende Betrachtung der Shrimpsproduktion in Bangladesh – jahrelang von der Weltbank gefördert, katastrophal für Natur und Menschen, alles für ein Luxusprodukt für weit entferne Konsument*innen – und eine scharfe Kritik an bestimmten Entwicklungshilfskonzepten, die u. a. von der Megastiftung von Bill Gates verfolgt werden. In Zusammenarbeit mit der Agrarindustrie soll z. B. die Produktion von Nahrungsmitteln gesteigert werden, obwohl längst bekannt ist, dass der Hunger kein Mengen-, sondern ein Verteilungsproblem ist. Die mit Staats- und Stiftungsgeldern geförderten Konzerne sorgen außerdem gerade dafür, dass Kleinbäuer*innen ihr Land verlieren und so verarmen, dass immer mehr Land industriell bewirtschaftet und immer mehr Natur zerstört wird.

Hartmanns Fazit im letzten Kapitel lautet: Alternativen statt Lösungen! Für viele ökologische und soziale Probleme werden von Seiten der Industrie, des Staates und großer NGOs „Lösungen“ angeboten, die das Wachstums- und Konsumparadigma nicht in Frage stellen. Im besten Fall werden durch solche „Lösungen“ Symptome abgemildert. Viel häufiger aber werden, so eine Kernthese des Buches, die Probleme faktisch sogar verschlimmert, während sie gleichzeitig hinter grünen Mäntelchen wie den Industrie-Initiativen für Nachhaltigkeit unsichtbar gemacht werden. Anstatt auf technische Wundermittel und neokoloniale Mogel-Hilfsprogramme zu vertrauen, müssen wir laut Hartmann die Machtfrage stellen und die Ursachen der Probleme angehen, die in den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen liegen. Das heißt letztlich natürlich: Systemwechsel. Und der muss politisch erkämpft werden.

„Aus kontrolliertem Raubbau“ ist ein beindruckendes, kluges, gleichzeitig furchtbar empörendes und sehr motivierendes Buch. Ich empfehle unbedingt die Lektüre!

Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren. Blessing Verlag 2015.

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