Klimakrise: Raus aus der Komfortzone

Warum ich mit Extinction Rebellion Brücken blockieren will

Ich falle, wie wohl die meisten Menschen, nur sehr ungern unangenehm auf. Mir ist es peinlich, wenn jemand meinetwegen warten muss, weil ich an der Supermarktkasse meinen Geldbeutel nicht finde. Vor ein paar Jahren, ich war gerade überzeugte Tierrechtlerin geworden, habe ich mir eine Menge Aufkleber bestellt in Form eines Warnetiketts wie bei Zigaretten: „Achtung, Produkt aus Tierquälerei“. Die wollte ich auf Fleischpackungen und Speisekarten kleben. Das Problem: Obwohl ich das eine total sinnvolle Aktion fand, habe ich es fast nur dann tatsächlich geschafft, wenn ich mich völlig unbeobachtet wusste – was im Supermarkt oder auf der Straße vor Restaurants kaum vorkommt. Zu sehr habe ich mich vor missbilligenden oder verächtlichen Blicken der Vorbeilaufenden gefürchtet.

Nächste Woche will ich mich in Berlin auf eine große Brücke setzen und mit vielen anderen im Rahmen der Bewegung Extinction Rebellion den Straßenverkehr blockieren. Einige Leute, die schnell von A nach B wollen, werden sich darüber ziemlich ärgern. Was ja gut verständlich ist. Es wird eine Menge missbilligende und sicher auch verächtliche Blicke regnen. Das werde ich in Kauf nehmen. Ebenso wie das Risiko, von der Polizei unsanft weggetragen und auf eine Wache gebracht zu werden und später Briefe mit einem Bußgeld oder gar einem Strafbefehl zu bekommen. Wieso?

Die Unbequemlichkeit, die wir am nächsten Montag verursachen werden, ist bedauerlich, aber wirklich fast lachhaft im Vergleich dazu, was in den nächsten Jahrzehnten durch den Klimawandel und die ökologische Krise auf uns alle zukommt. Die Dürren, Unwetter und Überschwemmungen, die wir jetzt schon überall auf der Welt erleben, sind ja erst der Anfang. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird es noch viel, viel schlimmer. Es gibt eigentlich nichts Wichtigeres, als dass wir uns als Gesellschaft dieser Krise stellen und Maßnahmen ergreifen, sie zumindest zu bremsen. Und damit das passiert, reicht es einfach nicht mehr, Petitionen zu unterschreiben, Flyer zu verteilen oder zu demonstrieren. Wir müssen die Regeln brechen, wir müssen unbequem werden. Es ist sonst zu leicht – zu bequem – die Realität zu ignorieren.

Tatsächlich habe ich das selbst lange getan. Obwohl der Klimawandel seit Jahren für mich ein Thema ist – ich habe aufgehört zu fliegen, mich mit dem Zusammenhang von Tierhaltung und Klima beschäftigt, bei Animal Climate Action mitgearbeitet und auch schon an Ende-Gelände-Aktionen teilgenommen – habe ich in gewisser Weise die wirkliche Dramatik der Lage lange gar nicht an mich herangelassen. Sie ist auch einfach so deprimierend. Schon jetzt sterben pro Tag so viele Tierarten aus wie seit 60 Millionen Jahren nicht mehr – das liegt nicht nur am Klimawandel, sondern auch an der gezielten Vernichtung durch uns Menschen, der Verringerung von Lebensraum und der Verschmutzung von Luft, Böden und Wasser.

Was den Klimawandel angeht, so steuern wir auf dem aktuellen Kurs auf eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2 bis 6 Grad bis 2100 zu. Große Teile der Erde werden unbewohnbar werden. Hunderte Millionen Menschen werden auf der Flucht sein. Vier Grad – nach dieser Einschätzung ein eher mittlerers Ergebnis – würde Berechnungen zufolge bedeuten, dass 74 % der Weltbevölkerung in Gebieten mit regelmäßig tödlicher Hitze wohnen würden, d.h. dort nur überleben könnten mit flächendeckenden Klimaanlagen. Selbst die Weltbank schreibt, es sei unsicher, ob eine Anpassung unser Gesellschaften an vier Grad Erwärmung überhaupt möglich sei. Außerdem können wir mit jeder weiteren Erwärmung gefährliche Kipppunkte überschreiten, die uns in eine unkontrollierbare Aufheizung, den so genannten „runaway climate change“ befördern und damit möglicherweise in eine Welt, die so heiß wird, dass sie für Menschen und andere Säugetiere nicht mehr bewohnbar ist. Schon jetzt schmilzt die Arktis, die Permafrostböden tauen auf, Wälder werden durch Dürre und Feuer vernichtet. All das verstärkt die Erwärmung weiter.

Die Forscherin Kate Marvel schreibt: „Als Klimawissenschaftlerin werde ich oft gebeten, über Hoffnung zu sprechen. Besonders im aktuellen politischen Klima möchte das Publikum hören, dass am Ende doch alles gut wird. Der Klimawandel ist so bedrückend, sagen die Veranstalter*innen immer. Erzähl uns eine schöne Geschichte. Gib uns Hoffnung. Das Problem ist: Ich habe keine.“ Und weiter: „Klimawissenschaftlerin zu sein bedeutet, an einer Horrorgeschichte in Zeitlupe teilzunehmen. Wir schicken unsere Kinder unweigerlich auf einen fremden Planeten.“

Es geht hier nicht nur um physische und biologische Effekte. Wir müssen uns auch fragen, was auf der politischen und sozialen Ebene mit Gesellschaften passiert in einer Welt, in der die Ressourcen ausgehen, in der es riesige Migrationsbewegungen und ständige Naturkatastrophen gibt. Werden wir solidarisch damit umgehen? Zusammenstehen, uns gegenseitig helfen und teilen? Oder wird sich eine Ideologie der Abschottung und Konkurrenz durchsetzen, wie wir sie jetzt schon überall in Europa erleben, und womöglich zu einem neuen Faschismus führen? Das sind keine Gedankenspiele, sondern sehr reale Möglichkeiten in Anbetracht des fast unvermeidbaren Zusammenbruchs der jetzigen Gesellschaften. Und all das wird nicht erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts akut werden – ich rechne mit krassen Änderungen unserer Lebensweise spätestens in zwanzig Jahren. Tatsächlich scheint die Erwärmung ja immer schneller zu sein, als die Studien voraussagen. Ein paar Dürren wie 2018 hintereinander, und wir haben eine handfeste globale Ernährungskrise, die auch uns betreffen wird.

Wenn man sich die Lage derart vor Augen führt, erscheint der Alltag unserer heutigen Welt geradezu absurd. Mein Nachbar mäht in aller Ruhe den Rasen, meine Eltern planen ihren Sommerurlaub, meine Freund*innen bewerben sich auf neue Jobs, schreiben Forschungsarbeiten über tote Philosophen oder bekommen gar Kinder. Auf der individuellen Ebene ist das natürlich immer verständlich – wenn ich es auch, wenn ich ehrlich bin, zunehmend weniger verstehe. Auf der Ebene der Gesellschaft ist es nicht nur irrational, sondern selbstmörderisch. Das Handeln auf Seiten der Politik entspricht dem: Business as usual. Klimaschutz? Gern, aber nur, wenn es die Wirtschaft nicht schädigt. Streiken für‘s Klima? Ok, das zeugt von politischem Bewusstsein, aber langsam reicht es doch. Nicht nur die tatsächliche Politik, auch schon die Debatte ist vollständig quer zu dem, was uns die Wissenschaft eigentlich sagt. Kontinuierlich wird weiter so getan, als ob kleinere Einsparungen durch neue Technologien den Karren schon weit genug aus dem Dreck ziehen würden.

Seit 1990 sind die globalen Treibhausgasemissionen um 60 Prozent gestiegen, obwohl damals schon der Weltklimarat eine starke Reduktion gefordert hatte. Auch 2018 sind sie erneut gestiegen. Um noch irgendeine Chance zu haben, die Erwärmung unter zwei Grad zu halten, müssen die Emissionen um fast so viel sinken, wie sie seitdem gestiegen sind. Das erfordert einen so umfassenden Wandel, dass ich bezweifle, dass er innerhalb des jetzigen Wirtschaftssystems überhaupt möglich ist. Wir wissen aber, dass er nötig ist, wenn wir uns und unseren Nachkommen – und all den nichtmenschlichen Tieren, die noch am wenigstens dafür können – einen lebenswerten Planeten erhalten wollen.

Extinction Rebellion in London

Die Bewegung Extinction Rebellion hat mich angesprochen, gerade weil sie die Lage so dramatisch beschreibt, wie sie tatsächlich ist: Wir stehen vor dem Weltuntergang. Das ist kein „Katastrophismus“, sondern die Wahrheit. Extinction Rebellion sagt diese Wahrheit nicht nur, sondern zeigt sie mit ihren Aktionen. Der erste Artikel, den ich über die Bewegung gelesen habe und der mich sofort bewegt hat, trug den Titel „Hundreds ready to go to jail over climate crisis.“ Menschen sind bereit, gegen Normen zu verstoßen und Ärger in Kauf zu nehmen, weil das Thema einfach so wichtig und dringend ist. Tausende haben in London an einem Tag fünf Brücken blockiert, den Verkehr lahmgelegt und allein damit jede Menge Aufmerksamkeit erzwungen. Was für einige Menschen vielleicht radikal und abschreckend wirkt, schafft es bei vielen anderen, Verständnis und Empathie zu wecken und ein ganz anderes Signal zu setzen als die altbekannte Latschdemo.

Was sollen diese Aktionen nun genau erreichen – was müsste in dieser so entmutigenden Lage denn getan werden? Mich haben auch die drei Kernforderungen von Extinction Rebellion überzeugt. Sie richten sich an die Regierung als die Instanz, die sowohl die Macht hätte, grundlegende Strukturen zu verändern, als auch die Pflicht dazu, insofern sie mindestens für die Sicherheit der eigenen Bevölkerung zu sorgen hat.

Erstens soll die Regierung gemeinsam mit den Medien die Wahrheit über die ökologische Krise klar kommunizieren und allgemein bekannt machen, als Voraussetzung dafür, dass auch drastische Maßnahmen ergriffen werden können. Zweitens müssen die Treibhausgasemissionen in kürzester Zeit, nämlich bis 2025, auf netto-null sinken und alles getan werden, um darüber hinaus Kohlenstoff mit sicheren Methoden wieder aus der Atmossphäre herauszuholen. Das jeweils in den einzelnen Ländern und damit letztlich auch global. Die dafür nötigen Maßnahmen sollen drittens nicht von den Regierungen selbst erarbeitet und überwacht werden, sondern von so genannten Bürger*innenversammlungen, die per Losentscheid zusammengestellt werden und so einen guten Querschnitt der Gesellschaft liefern. Die ausgelosten Menschen bekommen umfassende Informationen von Wissenschaftler*innen und Expert*innen, haben Gelegenheit nachzudenken und sich in verschiedenen Formaten auszutauschen, und treffen dann Entscheidungen. Die Erfahrung mit solchen Gremien zeigt, dass sie oft zu ausgesprochen guten und progressiven Ergebnissen führen.

Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass ein paar Straßenblockaden und Medienberichte die Regierung dazu bringen werden, diese Forderungen zu erfüllen. Umso mehr, als sie ohne grundlegende Transformation der Wirtschaft – ohne Angriff auf machtvolle Kapitalinteressen – nicht zu erfüllen sind. Der Plan muss also sein, die Rebellion so weit zu eskalieren, dass sie tatsächlich das Weiter-so, den normalen Betriebsablauf der Wirtschaft unmöglich macht. Es braucht wahrscheinlich irgendeine Art von revolutionärem Moment, der eine Neuorganisation unter anderen Bedingungen möglich macht. Dazu müssen klarerweise deutlich mehr Menschen mitmachen als jetzt – aber nicht so viele, wie man vielleicht denkt. Der Wandel braucht keine Mehrheit. Eine entschlossene und einsatzbereite Minderheit kann fundamentale Änderungen herbeiführen – zumindest mit der richtigen Strategie.

Extinction Rebellion in Berlin

Ziviler Ungehorsam in Form von friedlichen Besetzungen und Blockaden sind Mittel, die schon bei vielen sozialen Bewegungen zu Erfolgen geführt haben. Extinction Rebellion beruft sich auch auf diese Geschichte und sozialwissenschaftliche Forschung. Natürlich ist unklar, inwieweit wir die Erfahrungen der Vergangenheit auf heute übertragen können – wir wollen nicht einzelne Gesetze verändern, sondern eine ganze Kultur umkrempeln. Aber dass wir nicht sicher wissen, ob die Strategie funktionieren wird, ist keine Ausrede dafür, gar nichts zu tun. Um noch einmal Kate Marvel zu zitieren: „Wir brauchen keine Hoffnung, sondern Mut. Mut bedeutet, das Richtige zu tun, ohne zu wissen, ob die Geschichte gut ausgehen wird.“

Aus meiner Sicht ist eine Rebellion oder ein Massenaufstand zum jetzigen Zeitpunkt genau richtig und dringend nötig – im Rahmen von Extinction Rebellion, aber auch im anderen Rahmen mit Ende Gelände, Fridays for Future, Animal Climate Action oder all den anderen, die nicht nur auf gefällige Protestformen, sondern auch auf den kalkulierten Regelbruch setzen. Und was viele, die wie ich am liebsten nicht negativ auffallen wollen, nicht erwarten: Gemeinsam ungehorsam sein, gemeinsam im Weg sitzen, kann – bei allem Mitgefühl für die blockierten Autofahrer*innen – richtig viel Spaß machen. Nicht nur, weil es toll ist, neue Menschen kennenzulernen, die in Anbetracht der Lage ähnlich empfinden wie man selbst. Auch nicht unbedingt, weil derlei Aktionen abenteuerlich und erlebnisreich sind – wobei das sicher auch eine Rolle spielt. Sondern vor allem deshalb, weil es sich großartig anfühlt, der Krise nicht mehr nur ohnmächtig zuzuschauen oder sich mit Alltäglichkeiten abzulenken, sondern hinzuschauen und aktiv etwas zu tun. Man nennt es auch „Empowerment“ – die eigene Handlungsfähigkeit entdecken und ausüben. Ich kann es nur empfehlen.

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