Kategorie-Archiv: Aktivismus

Klimakrise: Raus aus der Komfortzone

Warum ich mit Extinction Rebellion Brücken blockieren will

Ich falle, wie wohl die meisten Menschen, nur sehr ungern unangenehm auf. Mir ist es peinlich, wenn jemand meinetwegen warten muss, weil ich an der Supermarktkasse meinen Geldbeutel nicht finde. Vor ein paar Jahren, ich war gerade überzeugte Tierrechtlerin geworden, habe ich mir eine Menge Aufkleber bestellt in Form eines Warnetiketts wie bei Zigaretten: „Achtung, Produkt aus Tierquälerei“. Die wollte ich auf Fleischpackungen und Speisekarten kleben. Das Problem: Obwohl ich das eine total sinnvolle Aktion fand, habe ich es fast nur dann tatsächlich geschafft, wenn ich mich völlig unbeobachtet wusste – was im Supermarkt oder auf der Straße vor Restaurants kaum vorkommt. Zu sehr habe ich mich vor missbilligenden oder verächtlichen Blicken der Vorbeilaufenden gefürchtet.

Nächste Woche will ich mich in Berlin auf eine große Brücke setzen und mit vielen anderen im Rahmen der Bewegung Extinction Rebellion den Straßenverkehr blockieren. Einige Leute, die schnell von A nach B wollen, werden sich darüber ziemlich ärgern. Was ja gut verständlich ist. Es wird eine Menge missbilligende und sicher auch verächtliche Blicke regnen. Das werde ich in Kauf nehmen. Ebenso wie das Risiko, von der Polizei unsanft weggetragen und auf eine Wache gebracht zu werden und später Briefe mit einem Bußgeld oder gar einem Strafbefehl zu bekommen. Wieso?

Die Unbequemlichkeit, die wir am nächsten Montag verursachen werden, ist bedauerlich, aber wirklich fast lachhaft im Vergleich dazu, was in den nächsten Jahrzehnten durch den Klimawandel und die ökologische Krise auf uns alle zukommt. Die Dürren, Unwetter und Überschwemmungen, die wir jetzt schon überall auf der Welt erleben, sind ja erst der Anfang. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird es noch viel, viel schlimmer. Es gibt eigentlich nichts Wichtigeres, als dass wir uns als Gesellschaft dieser Krise stellen und Maßnahmen ergreifen, sie zumindest zu bremsen. Und damit das passiert, reicht es einfach nicht mehr, Petitionen zu unterschreiben, Flyer zu verteilen oder zu demonstrieren. Wir müssen die Regeln brechen, wir müssen unbequem werden. Es ist sonst zu leicht – zu bequem – die Realität zu ignorieren.

Tatsächlich habe ich das selbst lange getan. Obwohl der Klimawandel seit Jahren für mich ein Thema ist – ich habe aufgehört zu fliegen, mich mit dem Zusammenhang von Tierhaltung und Klima beschäftigt, bei Animal Climate Action mitgearbeitet und auch schon an Ende-Gelände-Aktionen teilgenommen – habe ich in gewisser Weise die wirkliche Dramatik der Lage lange gar nicht an mich herangelassen. Sie ist auch einfach so deprimierend. Schon jetzt sterben pro Tag so viele Tierarten aus wie seit 60 Millionen Jahren nicht mehr – das liegt nicht nur am Klimawandel, sondern auch an der gezielten Vernichtung durch uns Menschen, der Verringerung von Lebensraum und der Verschmutzung von Luft, Böden und Wasser.

Was den Klimawandel angeht, so steuern wir auf dem aktuellen Kurs auf eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2 bis 6 Grad bis 2100 zu. Große Teile der Erde werden unbewohnbar werden. Hunderte Millionen Menschen werden auf der Flucht sein. Vier Grad – nach dieser Einschätzung ein eher mittlerers Ergebnis – würde Berechnungen zufolge bedeuten, dass 74 % der Weltbevölkerung in Gebieten mit regelmäßig tödlicher Hitze wohnen würden, d.h. dort nur überleben könnten mit flächendeckenden Klimaanlagen. Selbst die Weltbank schreibt, es sei unsicher, ob eine Anpassung unser Gesellschaften an vier Grad Erwärmung überhaupt möglich sei. Außerdem können wir mit jeder weiteren Erwärmung gefährliche Kipppunkte überschreiten, die uns in eine unkontrollierbare Aufheizung, den so genannten „runaway climate change“ befördern und damit möglicherweise in eine Welt, die so heiß wird, dass sie für Menschen und andere Säugetiere nicht mehr bewohnbar ist. Schon jetzt schmilzt die Arktis, die Permafrostböden tauen auf, Wälder werden durch Dürre und Feuer vernichtet. All das verstärkt die Erwärmung weiter.

Die Forscherin Kate Marvel schreibt: „Als Klimawissenschaftlerin werde ich oft gebeten, über Hoffnung zu sprechen. Besonders im aktuellen politischen Klima möchte das Publikum hören, dass am Ende doch alles gut wird. Der Klimawandel ist so bedrückend, sagen die Veranstalter*innen immer. Erzähl uns eine schöne Geschichte. Gib uns Hoffnung. Das Problem ist: Ich habe keine.“ Und weiter: „Klimawissenschaftlerin zu sein bedeutet, an einer Horrorgeschichte in Zeitlupe teilzunehmen. Wir schicken unsere Kinder unweigerlich auf einen fremden Planeten.“

Es geht hier nicht nur um physische und biologische Effekte. Wir müssen uns auch fragen, was auf der politischen und sozialen Ebene mit Gesellschaften passiert in einer Welt, in der die Ressourcen ausgehen, in der es riesige Migrationsbewegungen und ständige Naturkatastrophen gibt. Werden wir solidarisch damit umgehen? Zusammenstehen, uns gegenseitig helfen und teilen? Oder wird sich eine Ideologie der Abschottung und Konkurrenz durchsetzen, wie wir sie jetzt schon überall in Europa erleben, und womöglich zu einem neuen Faschismus führen? Das sind keine Gedankenspiele, sondern sehr reale Möglichkeiten in Anbetracht des fast unvermeidbaren Zusammenbruchs der jetzigen Gesellschaften. Und all das wird nicht erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts akut werden – ich rechne mit krassen Änderungen unserer Lebensweise spätestens in zwanzig Jahren. Tatsächlich scheint die Erwärmung ja immer schneller zu sein, als die Studien voraussagen. Ein paar Dürren wie 2018 hintereinander, und wir haben eine handfeste globale Ernährungskrise, die auch uns betreffen wird.

Wenn man sich die Lage derart vor Augen führt, erscheint der Alltag unserer heutigen Welt geradezu absurd. Mein Nachbar mäht in aller Ruhe den Rasen, meine Eltern planen ihren Sommerurlaub, meine Freund*innen bewerben sich auf neue Jobs, schreiben Forschungsarbeiten über tote Philosophen oder bekommen gar Kinder. Auf der individuellen Ebene ist das natürlich immer verständlich – wenn ich es auch, wenn ich ehrlich bin, zunehmend weniger verstehe. Auf der Ebene der Gesellschaft ist es nicht nur irrational, sondern selbstmörderisch. Das Handeln auf Seiten der Politik entspricht dem: Business as usual. Klimaschutz? Gern, aber nur, wenn es die Wirtschaft nicht schädigt. Streiken für‘s Klima? Ok, das zeugt von politischem Bewusstsein, aber langsam reicht es doch. Nicht nur die tatsächliche Politik, auch schon die Debatte ist vollständig quer zu dem, was uns die Wissenschaft eigentlich sagt. Kontinuierlich wird weiter so getan, als ob kleinere Einsparungen durch neue Technologien den Karren schon weit genug aus dem Dreck ziehen würden.

Seit 1990 sind die globalen Treibhausgasemissionen um 60 Prozent gestiegen, obwohl damals schon der Weltklimarat eine starke Reduktion gefordert hatte. Auch 2018 sind sie erneut gestiegen. Um noch irgendeine Chance zu haben, die Erwärmung unter zwei Grad zu halten, müssen die Emissionen um fast so viel sinken, wie sie seitdem gestiegen sind. Das erfordert einen so umfassenden Wandel, dass ich bezweifle, dass er innerhalb des jetzigen Wirtschaftssystems überhaupt möglich ist. Wir wissen aber, dass er nötig ist, wenn wir uns und unseren Nachkommen – und all den nichtmenschlichen Tieren, die noch am wenigstens dafür können – einen lebenswerten Planeten erhalten wollen.

Extinction Rebellion in London

Die Bewegung Extinction Rebellion hat mich angesprochen, gerade weil sie die Lage so dramatisch beschreibt, wie sie tatsächlich ist: Wir stehen vor dem Weltuntergang. Das ist kein „Katastrophismus“, sondern die Wahrheit. Extinction Rebellion sagt diese Wahrheit nicht nur, sondern zeigt sie mit ihren Aktionen. Der erste Artikel, den ich über die Bewegung gelesen habe und der mich sofort bewegt hat, trug den Titel „Hundreds ready to go to jail over climate crisis.“ Menschen sind bereit, gegen Normen zu verstoßen und Ärger in Kauf zu nehmen, weil das Thema einfach so wichtig und dringend ist. Tausende haben in London an einem Tag fünf Brücken blockiert, den Verkehr lahmgelegt und allein damit jede Menge Aufmerksamkeit erzwungen. Was für einige Menschen vielleicht radikal und abschreckend wirkt, schafft es bei vielen anderen, Verständnis und Empathie zu wecken und ein ganz anderes Signal zu setzen als die altbekannte Latschdemo.

Was sollen diese Aktionen nun genau erreichen – was müsste in dieser so entmutigenden Lage denn getan werden? Mich haben auch die drei Kernforderungen von Extinction Rebellion überzeugt. Sie richten sich an die Regierung als die Instanz, die sowohl die Macht hätte, grundlegende Strukturen zu verändern, als auch die Pflicht dazu, insofern sie mindestens für die Sicherheit der eigenen Bevölkerung zu sorgen hat.

Erstens soll die Regierung gemeinsam mit den Medien die Wahrheit über die ökologische Krise klar kommunizieren und allgemein bekannt machen, als Voraussetzung dafür, dass auch drastische Maßnahmen ergriffen werden können. Zweitens müssen die Treibhausgasemissionen in kürzester Zeit, nämlich bis 2025, auf netto-null sinken und alles getan werden, um darüber hinaus Kohlenstoff mit sicheren Methoden wieder aus der Atmossphäre herauszuholen. Das jeweils in den einzelnen Ländern und damit letztlich auch global. Die dafür nötigen Maßnahmen sollen drittens nicht von den Regierungen selbst erarbeitet und überwacht werden, sondern von so genannten Bürger*innenversammlungen, die per Losentscheid zusammengestellt werden und so einen guten Querschnitt der Gesellschaft liefern. Die ausgelosten Menschen bekommen umfassende Informationen von Wissenschaftler*innen und Expert*innen, haben Gelegenheit nachzudenken und sich in verschiedenen Formaten auszutauschen, und treffen dann Entscheidungen. Die Erfahrung mit solchen Gremien zeigt, dass sie oft zu ausgesprochen guten und progressiven Ergebnissen führen.

Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass ein paar Straßenblockaden und Medienberichte die Regierung dazu bringen werden, diese Forderungen zu erfüllen. Umso mehr, als sie ohne grundlegende Transformation der Wirtschaft – ohne Angriff auf machtvolle Kapitalinteressen – nicht zu erfüllen sind. Der Plan muss also sein, die Rebellion so weit zu eskalieren, dass sie tatsächlich das Weiter-so, den normalen Betriebsablauf der Wirtschaft unmöglich macht. Es braucht wahrscheinlich irgendeine Art von revolutionärem Moment, der eine Neuorganisation unter anderen Bedingungen möglich macht. Dazu müssen klarerweise deutlich mehr Menschen mitmachen als jetzt – aber nicht so viele, wie man vielleicht denkt. Der Wandel braucht keine Mehrheit. Eine entschlossene und einsatzbereite Minderheit kann fundamentale Änderungen herbeiführen – zumindest mit der richtigen Strategie.

Extinction Rebellion in Berlin

Ziviler Ungehorsam in Form von friedlichen Besetzungen und Blockaden sind Mittel, die schon bei vielen sozialen Bewegungen zu Erfolgen geführt haben. Extinction Rebellion beruft sich auch auf diese Geschichte und sozialwissenschaftliche Forschung. Natürlich ist unklar, inwieweit wir die Erfahrungen der Vergangenheit auf heute übertragen können – wir wollen nicht einzelne Gesetze verändern, sondern eine ganze Kultur umkrempeln. Aber dass wir nicht sicher wissen, ob die Strategie funktionieren wird, ist keine Ausrede dafür, gar nichts zu tun. Um noch einmal Kate Marvel zu zitieren: „Wir brauchen keine Hoffnung, sondern Mut. Mut bedeutet, das Richtige zu tun, ohne zu wissen, ob die Geschichte gut ausgehen wird.“

Aus meiner Sicht ist eine Rebellion oder ein Massenaufstand zum jetzigen Zeitpunkt genau richtig und dringend nötig – im Rahmen von Extinction Rebellion, aber auch im anderen Rahmen mit Ende Gelände, Fridays for Future, Animal Climate Action oder all den anderen, die nicht nur auf gefällige Protestformen, sondern auch auf den kalkulierten Regelbruch setzen. Und was viele, die wie ich am liebsten nicht negativ auffallen wollen, nicht erwarten: Gemeinsam ungehorsam sein, gemeinsam im Weg sitzen, kann – bei allem Mitgefühl für die blockierten Autofahrer*innen – richtig viel Spaß machen. Nicht nur, weil es toll ist, neue Menschen kennenzulernen, die in Anbetracht der Lage ähnlich empfinden wie man selbst. Auch nicht unbedingt, weil derlei Aktionen abenteuerlich und erlebnisreich sind – wobei das sicher auch eine Rolle spielt. Sondern vor allem deshalb, weil es sich großartig anfühlt, der Krise nicht mehr nur ohnmächtig zuzuschauen oder sich mit Alltäglichkeiten abzulenken, sondern hinzuschauen und aktiv etwas zu tun. Man nennt es auch „Empowerment“ – die eigene Handlungsfähigkeit entdecken und ausüben. Ich kann es nur empfehlen.

Gesellschaftlichen Wandel kann man nicht kaufen

Spenden statt politisch aktiv werden?

Eine Kritik an einer These des Effektiven Altruismus

Gemeinsamer Beitrag mit Sandra Franz

In letzter Zeit ist in der Tierrechtsszene und anderswo immer mehr vom „Effektiven Altruismus“ die Rede. Dessen Grundidee ist, dass wir aus moralischen Gründen versuchen sollten, unsere zeitlichen und finanziellen Ressourcen möglichst effizient einzusetzen, um möglichst viel Leid zu vermindern bzw. möglichst vielen empfindenden Wesen möglichst viel zu helfen. So weit, so gut.

geldImmer wieder wird aber jetzt konkreter behauptet, viele Menschen könnten sich am effektivsten dadurch engagieren, dass sie möglichst viel Geld verdienen und dieses Geld dann spenden. Die Bewegung brauche möglichst viele Vollzeitaktivist_innen, und wer die Chance habe, in der freien Wirtschaft ordentlich Kohle zu machen, könnte das tun und auf diese Weise mehrere Vollzeitaktivist_innen finanzieren. Generell sollten alle Menschen, denen Tierbefreiung am Herzen liegt, nicht nur vegan leben, sondern viel spenden. Dabei sei es dann noch entscheidend, dass man an möglichst effiziente Organisationen spende, und welche das seien, lasse sich mit wissenschaftlichen Methoden messen.

Wir finden diese Idee auf verschiedenen Ebenen höchst problematisch und möchten in diesem Text erklären, warum. Unsere Gegenthese lautet: Spenden für gute Organisationen ist eine prima Sache, aber unsere zentrale Forderung als Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivist_innen sollte lauten: Werdet selbst aktiv! Engagiert euch politisch!

Was die Bewegung am nötigsten hat, ist nicht mehr Geld und finanzkräftigere professionelle Organisationen, sondern mehr Graswurzelaktivismus. Denn um grundlegende gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen, braucht es viele selbstdenkende, aktive, vernetzte Menschen, nicht wenige professionelle Organisationen und ein Heer von Spender_innen. Das ist nicht gegen die Grundidee des Effektiven Altruismus gerichtet. Es ist ein sinnvolles Ziel, große Verbesserungen für viele empfindende Lebewesen erreichen zu wollen. Um das zu erreichen, müssen wir aber eine wachere und aktivere Gesellschaft werden – nicht primär eine spendende Gesellschaft.

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ZDF-Doku ‚Aus Liebe zum Tier‘: Stellungnahme eines portraitierten Aktivisten

Vor einigen Tagen sendete das ZDF eine Dokumentation über die Tierrechtsbewegung, an der es schon viel Kritik gab. Den folgende Text hat einer der portraitierten Aktivisten, Philipp Waldnah (im Beitrag bezeichnet als Jan-Philipp Wiesjahn) als Kommentar auf der ZDF-Facebookseite veröffentlicht. Philipps individuelle Grammatik wurde im Folgenden normalisiert und eine Namensnennung entfernt, ansonsten wurde nichts verändert.

Ich poste den Text hier, weil ich ihn relevant und lesenwert finde und einige der Kritikpunkte teile. Auch denke ich, dass eine Person, die in dem Film eine Rolle spielt, aber nur kurz zu Wort kommt, mit ihrer eigenen Sichtweise auf den Film gehört werden sollte. Ich selbst finde auch vieles an der Dokumentation positiv erwähnenswert und werde voraussichtlich in den nächsten Tagen noch einen eigenen Beitrag dazu posten.

Die unkritische Theorie der Mainzer Schule

Das Hauptthema der Dokumentation waren also mal wieder die Militanz, die vermeintliche Gewalttätigkeit und die so genannte Kriminalität der Tierrechtsbewegung. Das zeichnete sich zunächst bereits ab durch die Wahl des Sendungstitels („[…] Wie weit dürfen Aktivisten gehen?“) und die Ausrichtung der Ankündigungstexte, wurde dann umgesetzt durch die Auswahl der gesendeten Interviewbeiträge und Verweise auf Statistiken und Aussagen der deutschen und britischen Polizei, und gipfelte schließlich in dem nebulösen Schlussstatement: „Der Philosoph sagt uns noch, dass Veränderungen ihre Zeit brauchen. Einigen dauert das wohl zu lange. Sie gehen zu weit – aus Liebe zum Tier.“ Welche Leute mit welchem Handeln aus welchen Gründen zu weit gegangen sein sollen, wird nicht so wirklich gesagt. Hauptsache scheint zu sein, dass der Öffentlichkeit mal wieder klargemacht wird, dass es böse Tierrechtler*innen gibt.

Als der Kontakt zwischen mir und Michael Strompen zu Stande kam, wurde mir suggeriert, es solle eine Dokumentation über die Tierrechtsbewegung produziert werden, ihre Ideen, die Ziele, die Methoden, verschiedenen Aktionsfelder und Gruppen sowie Repression. Das klang deutlich vielfältiger, als das, was das ZDF schließlich daraus gemacht hat. ZDF-Doku ‚Aus Liebe zum Tier‘: Stellungnahme eines portraitierten Aktivisten weiterlesen

Rosa Brillen für den Bauernverband

Von Empörung zu Aktionen

Im Vorfeld der großen Landwirtschaftsmesse „Grüne Woche” haben AktivistInnen der Gruppe „Grüne Woche demaskieren!” den Deutschen Bauernverband mit dem Negativpreis „Rosa Brille 2015″ ausgezeichnet. Ausgerüstet mit rosafarbenen Pappbrillen, Transparenten, Schildern und Flugblättern demonstrierten etwa 30 AktivistInnen vor dem Sitz des Bauernverbandes in Berlin-Mitte.

Der Justiziar des Verbandes nahm den Preis in Form einer rosa angesprühten Sonnenbrille auf einem Samtkissen entgegen. In Hannover überreichten gegen 9 Uhr am selben Morgen sieben Tierbefreiungs-AktivistInnen eine Rosa Brille an den Geschäftsführer des Landvolks Niedersachsen.

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Während diese Aktionen selbst vor allem witzig sind – ich war als Mitglied der Gruppe „Grüne Woche demaskieren!” an der Planung und Durchführung in Berlin beteiligt und wir haben in allen Phasen viel gelacht – ist der Hintergrund doch ein sehr ernster: Wir sind erschüttert und angewidert im Angesicht der brutalen Ausbeutung von Tieren in der gegenwärtigen Agrarindustrie.

Wir kennen die Bedingungen in den Ställen. Wir wissen von den Verletzungen, Krankheiten, Verhaltensstörungen, Leiden und Schmerzen der Millionen Rinder, Schweine, Hühner und anderen Tiere, die zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern benutzt werden. Dass all diese neugierigen, sozialen und empfindsamen Tiere überhaupt ihr ganzes Leben in so tristen und elenden Umständen verbringen müssen, nur um dann gewaltsam getötet werden, macht uns traurig und oft verzweifelt. Es macht uns auch wütend. Rosa Brillen für den Bauernverband weiterlesen

Drauf warten, dass die Zahl der Veganer steigt?

Heute ist in der ZEIT ein Streitgespräch zwischen Herwig Grimm aus Wien und mir erschienen. Und obwohl ich an mehrfachen Überarbeitungen beteiligt war, ist mir jetzt erst aufgefallen, dass ich an einer Stelle doch ganz anders hätte antworten sollen. Herwig Grimm sagt nämlich:

“Im Sinne der Schadensbilanz dürften Sie mehr erreichen, wenn Sie die Landwirte überzeugen, ihre Tiere besser zu halten, als wenn Sie darauf warten, dass die Zahl der Veganer steigt, die derzeit nur rund ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen. […]”

Darauf ich (u.a.):

“Die Zahl der Veganer steigt doch derzeit rasant.”

Damit wollte ich primär Grimms Aussage kontern, die so klingt, als täte sich an dieser “Front” überhaupt nichts. Aber viel wichtiger wäre gewesen, darauf hinzuweisen, dass ein bloßes Warten auf das Zunehmen der Zahl der Veganer tatsächlich nicht besonders sinnvoll ist. Mal abgesehen davon, dass Grimm in seinem Statement eine aktive Handlung mit einer passiven Haltung vergleicht und man es daher leicht umdrehen könnte – d.h. sagen könnte, es sei aussichtsreicher, Leute zu überzeugen, Veganer zu werden, anstatt darauf zu warten, dass die Landwirte ihre Tiere besser halten – ist es problematisch, den Fokus des Engagements für Tierrechte allein auf die Erhöhung des Veganeranteils zu legen. Wie in der ZEIT ganz oben auf derselben Seite angemerkt, wird hierzulande bereits weniger Fleisch gegessen, aber immer mehr produziert – für den Export. Überhaupt wird die Rolle der Nachfrage für die Entwicklung der Produktion leicht überschätzt. Es ist daher entscheidend, nicht nur auf den Konsum zu schauen, sondern eine starke soziale Bewegung zu schaffen, die direkt Einfluss auf die Produktion nimmt.
Auch darauf muss man nicht warten, sondern man kann heute damit anfangen. Indem man sich zum Beispiel direkt gegen den Neubau von Mastanlagen, gegen Schlachthöfe oder Tierversuchslabore engagiert.
Zur Zeit werden überall in Deutschland neue Tierfabriken geplant und auch ohne viel Aufsehen genehmigt, sofern es keinen Widerstand dagegen gibt. Während gutsituierte Städter veganen Cappuccino schlürfen, werden Millionen Tiere in neuen Anlagen eingestallt, abtransport, getötet und verkauft, hier und anderswo. Daher der Aufruf: Werdet Teil der Tierbefreiungsbewegung und tragt den Protest gegen die Ausbeutung und Gewalt gegen Tiere vom veganen Café an die Orte des Geschehens!

Was nicht heißen soll, dass eine Erhöhung des Veganeranteils nicht gut wäre – ich freue mich über jeden Euro, der nicht in diese Industrie fließt. Und auch für die Tierbefreiungsbewegung selbst ist es umso besser, je mehr Veganer es gibt, denn desto mehr Leute gibt es, die gegenüber der Tierausbeutung schon sehr kritisch sind. Aber noch besser wär’s, wenn die alle auch politisch aktiv würden!
Hier sind ein paar Links zu entsprechenden Gruppen:

Tierrechte, Multikulturalismus und die politische Linke

(PDF) Die TierrechtsphilosophInnen Will Kymlicka und Sue Donaldson versuchen die Frage zu beantworten, warum das Thema Tierrechte und Tierbefreiung eine so geringe Rolle innerhalb der politischen Linken in Nordamerika spielt. Ihre Überlegungen sind zwar nicht eins zu eins übertragbar auf den deutschsprachigen Raum, aber mit Sicherheit auch für die hiesige Bewegung interessant und bedenkenswert. Deshalb gebe ich hier eine Darstellung wesentlicher Thesen aus dem von Kymlicka gehaltenen Vortrag bzw. dem von Kymlicka und Donaldson zusammen verfassten Paper. 1

Tierrechte müssten eigentlich ein paradigmatisch linkes Thema sein, meinen K&D. Ganz analog zu anderen sozialen Bewegungen wie der Frauenbewegung, dem Gay Rights Movement oder der antirassistischen Bewegung ginge es der Tierrechtsbewegung darum, einer bislang unterdrückten Gruppe zur Gleichberechtigung zu verhelfen. Gleichwohl sei das Thema Tiere innerhalb der politischen Linken nahezu unsichtbar. Woran liegt das? K&D diskutieren verschiedene Gründe, aus denen Linke geneigt sein könnten, Tierrechte nicht in ihre Agenda aufzunehmen oder sogar politisch zu bekämpfen. Während sie mehrere Gründe als gänzlich unüberzeugend zurückweisen, halten sie andere für ernstzunehmend und diskussionswürdig: Es gebe eine berechtigte Sorge, dass manche Kampagnen zugunsten von Tieren bestimmten marginalisierten und unterdrückten Menschengruppen schadeten, indem sie rassistische Vorurteile verstärkten und einen weißen Mittelklasse-Standpunkt privilegierten. Die Tierrechtsbewegung solle dieser Gefahr gegenüber sensibel sein und sich entsprechend politisch verhalten. Allerdings sei diese Problematik letztlich – entgegen der Befürchtungen vieler Linken – ein Grund für die Annahme einer Tierrechtskonzeption im Unterschied zu einer bloßen Tierschutzkonzeption, wie sie zur Zeit in der Gesellschaft vorherrschend sei. Das gängige Tierschutzparadigma sei nämlich nicht nur katastrophal für Tiere, sondern auch schädlich für gesellschaftlich benachteiligte Menschen, insofern es erlaube, die Praktiken von Minderheiten als besonders grausam oder „barbarisch“ zu brandmarken, einfach weil sie nicht der gesellschaftlich akzeptierten Normalität der Tierausbeutung entsprächen. Tierrechte, Multikulturalismus und die politische Linke weiterlesen

Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus

Einige Ähnlichkeiten und Zusammenhänge von Sexismus und Speziesismus

Das Folgende ist eine Verschriftlichung eines Vortrags, den ich beim Workshopwochenende “Zusammen zum Ziel” in Braunschweig im Oktober 2012 gehalten habe.
Im ersten Teil, „Fleisch und Männlichkeit“, wird dargestellt, wie anhand des Konsums von (toten) Tieren Machtverhältnisse zwischen männlich und weiblich definierten Menschen erstens abgebildet und zweitens symbolisch repräsentiert werden.
Im zweiten Teil, „Sexualisierung von Tieren und ‘Ver­fleischlichung’ von Frauen“ wird Carol Adams Konzeption des „abwesen­den Referenten“ erläutert. Mit deren Hilfe kann die Rolle bestimmter kultureller Bilder analysiert werden, in denen die Ausbeutung von Tieren und von Frau­en miteinander verknüpft werden. Grundlage dieser Verknüpfung sind bestimmte Parallelen in den Ausbeu­tungsverhältnissen, die ebenfalls dar­gestellt werden.
Der dritte Teil, „Sexis­mus und Antisexismus in der Tierbe­freiungsbewegung“ zeichnet mithilfe von Überlegungen von Brian Luke nach, inwieweit Genderklischees sich auf die gesellschaftliche Auseinander­setzung über die Behandlung von Tie­ren auswirken und wie die Tierbefrei­ungsbewegung damit und mit den Verschränkungen beider Unter­drückungsverhältnisse umgeht bzw. umgehen sollte.

1. Fleisch und Männlichkeit

Männer essen mehr Fleisch als Frauen: früher, heute, hier und anderswo. In der ersten nationalen Verzehrstudie in Großbritannien heißt es: „In sehr ar­men Familien ist die Ehefrau wahr­scheinlich die am schlechtesten ernähr­te Person.“1 Der Hauptunterschied in der Ernährung von Frauen und Män­nern in derselben Familie lag in der Menge des konsumierten Fleisches. Auch heute gilt: Wenn Nahrung knapp ist, sind die Unterschiede besonders auffällig und reflektieren die Macht­verhältnisse in der Familie: das vermeintlich wert­vollste Nahrungsmittel ist dem männ­lichen Familienoberhaupt vorbehal­ten.2 Und das, obwohl der Bedarf an Eiweiß bei Frauen während der Schwangerhaft und der Stillzeit deut­lich höher ist als der von Männern.3 Heute sind weltweit deutlich mehr Frauen von Hunger betroffen als Män­ner.4
In Deutschland essen männlich defi­nierte Personen etwa doppelt so viel Fleisch und Wurstwaren wie weib­lich definierte Personen, während sie weniger Gemüse und Obst zu sich nehmen.5

Fuck Salad

Diese reale Verteilung entspricht ei­nem gängigen Klischee: beim Date be­stellt der Mann ein Steak, die Frau einen Salat. Wie bei Geschlechterkli­schees üblich, hat dieses nicht nur de­skriptiven Charakter – in dem Sinn hat es ja sogar eine durch die Statistik ge­gebene Berechtigung – sondern zeigt eine gesellschaftliche Norm auf: Män­ner sollen Fleisch essen, Frauen dage­gen eher pflanzliche Nahrung oder „fe­minisierte Proteine“, wie Carol Adams Eier und Milchprodukte nennt, die auf der Ausbeutung der weiblichen Reproduktionssysteme beruhen. Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus weiterlesen

Eine Kampagne gegen die Normalität?

Die Normalität ist das Problem und deswegen bemerkt es keiner.
Die Normalität ist ungeheur gewaltvoll, grausam und zerstörerisch, aber sie erscheint normal, d. h. unauffällig, unproblematisch, grundsätzlich in Ordnung.

Es ist z. B. normal, Fleisch zu essen. Die Realität hinter dieser Normalität ist: 14 Millionen Tiere werden täglich in Europa im Schlachthaus getötet, oft nach langen Transporten, fast immer nach einem qualvollen, monotonen, grotesk kurzen Leben.

Der normale Diskurs über das Fleischessen thematisiert selten das Konsumieren von Tierprodukten bzw. das Halten und Töten von Tieren als solche, sondern fokussiert auf einzelne Aspekte, die als Abweichungen aufgefasst werden können (besonders krasse Quälerei), fordert kleine Änderungen, berücksichtigt nicht, dass das Problem nicht die Abweichungen, sondern das Normale ist.
Man reagiert, wenn überhaupt, dementsprechend punktuell, kauft nicht mehr von Wiesenhof, isst (wenn es grad im Angebot ist) lieber das Bioschwein, grillt auch mal eine Zucchini. Veganismus ist immer noch extrem.

Teils gilt sogar Vegetarismus schon als extrem. Kürzlich las ich einen Artikel mit dem Titel „Auch Biofleisch ist industrielle Massenware“ in der FAZ. Der Autor Jan Grossarth diskutiert die jüngst im Fernsehen gezeigten Bilder aus der Biohaltung: auch hier dicht gedrängte, verletzte, sterbende Tiere. Die Bilder sind schrecklich, es ist schrecklich, dass diese Realität existiert, die angemessene Reaktion darauf ist Mitgefühl, Empörung und Widerstand gegen ein Systen, in dem das stattfinden kann. Der Autor zeigt allerdings nicht diese Reaktion. Ihm kommt es darauf an, deutlich zu machen, dass diese Bilder nur einen kleinen Ausschnitt der Realität zeigten: die berühmten Einzelfälle. Außerdem stammten sie von „Tierschutzaktivisten“, die keine „neutrale“ Partei seien: Eine Kampagne gegen die Normalität? weiterlesen