Der Begriff der Notwendigkeit in Diskussionen um Tierversuche

„Natürlich sind Tierversuche nicht schön, aber sie sind leider noch notwendig.“

So oder ähnlich argumentieren viele Befürworter*innen von Tierversuchen dafür, dass weiterhin Mäuse, Ratten, Katzen, Hunde und andere Tiere für schmerzhafte Experimente benutzt werden sollen. Aber auch diejenigen, die Tierversuche kritisieren, verwenden oft den Begriff der Notwendigkeit – wenn sie z.B. behaupten, dass Tierversuche sinnlos und unnötig seien, weil es schon genug geeignete Alternativmethoden gebe.

Es kann dabei leicht der Eindruck entstehen, als handele es sich bei der Frage nach der Notwendigkeit von Tierversuchen um eine reine Faktenfrage, die auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse beantwortet werden müsse – und erst danach könne man dann über ethische Aspekte diskutieren. So behandelt z.B. auch Mai Thi Nguyen-Kim diese Frage in ihrem Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ (vgl. mein Blogartikel zu dem Buchkapitel).

In Wahrheit ist aber der Begriff der Notwendigkeit schon massiv normativ aufgeladen – das bedeutet, dass wir schon ethische Überzeugungen zum Ausdruck bringen, wenn wir etwas als notwendig bezeichnen. Das passiert aber nicht offen und explizit, sondern gleichsam unter der Oberfläche. Und es führt zugleich dazu, dass die eigentlich zentrale ethische Frage gar nicht mehr gestellt wird.

Warum der Begriff der Notwendigkeit normativ aufgeladen ist

Zunächst müssen wir feststellen, dass nichts, was Menschen tun, schlechthin notwendig ist – etwas kann immer nur als nur notwendig bezeichnet werden für einen bestimmten Zweck.

Wofür sind nun Tierversuche (vermeintlich) notwendig? Die Experimentatoren Heldmeier und Treue sagen z.B. in einem Zeitungsartikel:

„Tierversuche sind unvermeidlich, um die Grundlagen des Lebens zu verstehen und Fortschritte in der Medizin zu erreichen.“

Artikel in der FAZ, 2014

Das ist sicher übertrieben, denn auch ohne Tierversuche würde es medizinische Forschung und auch Fortschritt geben. Plausiblerweise können die Verteidiger*innen von Tierversuchen nur behaupten, dass sich der medizinische Fortschritt verlangsamen würde oder in bestimmten Hinsichten eingeschränkt wäre. Der Zweck, für den Tierversuche notwendig sein sollen, wäre also ein schnellerer oder umfassenderer medizinischer Fortschritt.

Nun liegt die eine Streitfrage darin, ob ein Verzicht auf Tierversuche tatsächlich den medizinischen Fortschritt bremsen würde oder nicht, ob sich also der Zweck (der schnellere Fortschritt) ohne das Mittel Tierversuche erreichen ließe oder nicht – das ist die Faktenfrage, über die Mediziner*innen streiten.

Die ethische Frage lautet aber, ob der Zweck (der schnellere Fortschritt) das Mittel (die Tierversuche) überhaupt rechtfertigen kann – und die Frage stellt sich auch dann, wenn sich der Zweck tatsächlich nur mit diesem Mittel erreichen ließe. Genau diese Frage wird aber unter den Tisch gekehrt, wenn wir diskutieren, ob Tierversuche notwendig sind, Denn wenn wir sagen, dass etwas notwendig ist, dann sagen wir damit implizit schon, dass es sich um ein legitimes Mittel zu einem wichtigen Zweck handelt. Bzw. umgekehrt: Wenn wir es nicht für um ein legitimes Mittel halten würde, würden wir nicht von Notwendigkeit sprechen. Das ist eine Beobachtung dazu, wie wir diesen Begriff verwenden.

Hier sind ein simples Beispiel zur Veranschaulichung. Stellen wir uns vor, jemand sagt:

„Unser Kater Hugo hat einen komischen Gegenstand gefunden und gegessen. Es war notwendig, ihn zu töten, um herauszufinden, was es war.”

So eine Aussage würde uns ziemlich seltsam vorkommen. Selbst wenn es keine andere Methode gäbe um herauszufinden, was der Kater gegessen hat, wäre das doch kein Grund ihn umzubringen – dieser Zweck ist einfach nicht wichtig genug. Deshalb würden wir nicht sagen, dass es notwendig ist, den Kater umzubringen.

Im Falle von Tierversuchen können allerdings die Zwecke durchaus wichtig sein. Aber auch das ist kein Garant dafür, dass jedes Mittel legitim ist. Stellen wir uns vor, jemand sagt Folgendes.

„Um die Wirkung von Radioaktivität auf Menschen besser zu verstehen, müssen wir sie unter kontrollierten Bedingungen anwenden und beobachten. Am aussagekräftigsten werden die Ergebnisse sein, wenn wir die Experimente mit Menschen machen – also ist es notwendig, solche Menschenversuche zu machen, zum Beispiel mit Gefangenen.“

Tatsächlich ist dieses Beispiel nicht ausgedacht. In der Geschichte hat es immer wieder unfreiwillige Experimente mit Menschen gegeben. Sogar noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Forscher in den USA Tausende von Experimenten mit Radioaktivität durchgeführt, typischerweise an Menschen, die arm, krank oder machtlos waren, wie eben Gefangene.

Zugleich ist heute glücklicherweise klar, dass solche Experimente abscheulich und offensichtlich moralisch falsch sind. Auch wenn der Zweck wichtig sein mag, rechtfertigt er nicht das Mittel – auch wenn es das einzige Mittel zum Erreichen dieses Zwecks wäre. Dementsprechend würden wir niemals solche Experimente als notwendig bezeichnen. Das zeigt aufs Neue, wie der Begriff der Notwendigkeit funktioniert.

Was heißt das jetzt für die Diskussion um Tierversuche?

Ich denke, es heißt Folgendes: Wenn jemand sagt, dass Tierversuche notwendig sind, dann setzt er oder sie dabei zugleich voraus, dass Tierversuche legitime Mittel zum Erreichen eines schnelleren medizinischen Fortschritts sind – und das geht nur, wenn es grundsätzlich legitim ist, mit Tieren Dinge zu tun, die wir niemals akzeptieren würden, wenn es um Menschen ginge.

Genau das ist aber doch die ethische Kernfrage: Warum sollte es ok sein, Tiere so grundlegend anders zu behandeln als Menschen?

In der Diskussion um Notwendigkeit wird diese Frage typischerweise nicht beantwortet und zugleich unter den Tisch gekehrt, weil ihre Antwort in der Diskussion durch die Verwendung des Begriffs der Notwendigkeit immer schon vorausgesetzt ist. Dabei muss genau dort die ethische Diskussion erst beginnen.

Wenn man sich die Äußerungen von Verteidiger*innen von Tierversuchen anschaut, dann wird diese ethische Kernfrage in der Tat fast nie überhaupt adressiert. Das ist auch deshalb kein Wunder, weil es praktisch keine guten Argumente dafür gibt, Tiere so grundlegend anders zu behandeln – denn die Gemeinsamkeiten zwischen uns und ihnen sind so viel bedeutender als die Unterschiede. Indem sie also die Frage nicht adressieren, verstecken die Verteidiger*innen von Tierversuchen letztlich ihren Mangel an Argumenten.

Ich denke außerdem, dass die Gegner*innen von Tierversuchen genauso (wenn auch nicht absichtlich) die ethische Frage unterschlagen, wenn sie behaupten, dass Tierversuche „nicht notwendig“ seien. Sie verwenden den Begriff der Notwendigkeit ja in derselben Weise. Ich glaube daher, dass es besser wäre, insgesamt andere Formulierungen zu wählen und z.B. die Faktenfrage so zu stellen: Wie würde sich ein Verzicht oder Verbot von Tierversuchen auf die medizinische Forschung auswirken?

Interessanterweise verbirgt sich auch in dem Begriff „Verzicht“ noch eine Wertung – oder würden wir entsprechend sagen, dass wir auf Menschenversuche „verzichten“? Dieser Ausdruck scheint dem Verbrechen, das unfreiwillige Menschenversuche darstellen würden, gar nicht gerecht zu werden.

Hier wird deutlich, wie sehr die normative Normalität – in der eben unfreiwillige Menschenversuche als indiskutabel, Tierversuche dagegen als legitim gelten – schon unseren Sprachgebrauch prägt. Wenn wir unsere Werte ändern würden, dann würden wir auch ganz anders sprechen und denken.

Die Autor*innen Sue Donaldson und Will Kymlicka beschreiben in ihrem Buch Zoopolis sehr eindrücklich, wie sich nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auch unsere Weltsicht wandeln würde, wenn wir ein anderes Wertesystem zu unserer normativen Normalität machen würden – ein Wertesystem, das auch Tierrechte und Respekt vor Tieren als Individuen ganz selbstverständlich beinhaltet. Deshalb möchte ich zum Abschluss einen längeren Abschnitt zitieren:

„Medizinische Tierversuche werden häufig als Problemfälle für Tierrechte angesehen. Selbst Autoren, die Massentierhaltung, Tests für kosmetische Produkte oder Jagd zum Zwecke des Vergnügens schrecklich finden, haben für die medizinische Forschung Verständnis, so als wäre der Verzicht auf Zugang zu unbegrenzten, wenn auch unzulänglichen Versuchsobjekten ein Opfer, das zu groß wäre, als dass man es sich ausmalen möchte. Doch dass man dies als Opfer auffasst, ist bereits ein Missverständnis der moralischen Situation. Schließlich kann man sich zahllose medizinische Techniken und Fortschritte denken, die heute deshalb nicht existieren, weil wir uns weigern, menschliche Versuchspersonen für invasive Experimente zu benutzen.

Wir können die Fortschritte kaum überschätzen, welche die medizinische Forschung bereits hätte erzielen können, wenn es den Forschern möglich gewesen wäre, menschliche Versuchspersonen anstelle der unzulänglichen tierischen Stellvertreter einzusetzen. Dennoch sehen wir darin kein Opfer. Wir jammern nicht darüber, dass wir diese große Wissensquelle nicht anzapfen können. Wir sind nicht erbittert wegen dieser Beschränkungen des Einsatzes menschlicher Versuchspersonen, die den medizinischen Fortschritt dermaßen behindern. Wir zerbrechen uns nicht den Kopf darüber, dass eine allzu zimperliche Einstellung zur Respektierung der Rechte einiger weniger Menschen ein Hindernis auf dem Weg ist, der für uns übrige zu einem längeren und gesünderen Leben führen würde.

Eigentlich würde jeder, der in Einschränkungen des Einsatzes von Menschen als Versuchspersonen ein Opfer sieht, als moralisch pervers gelten. Wenn es um Menschen geht, verstehen wir völlig, dass das medizinische Wissen nur innerhalb ethischer Grenzen voranschreiten darf. Andernfalls würde es sich um Wissen handeln, zu dessen Erwerb wir schlicht kein Recht haben. Das zwingt uns vielleicht zu mehr Kreativität bei der Forschung oder zu mehr Geduld beim Warten auf Ergebnisse. Wie dem auch sei, es handelt sich nicht um etwas, was wir als Opfer ansehen. Es geht vielmehr um die Einsicht, dass eine Welt, in der ein besseres oder längeres Leben für die Vielen um den Preis der Opferung der Wenigen erkauft wird, keine Welt ist, in der wir leben möchten.“

(Sue Donaldson / Will Kymlicka: Zoopolis, Eine politische Theorie der Tierrechte, Suhrkamp 2013, S. 104-105)

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