Alle Artikel von Friederike Schmitz

Friede, Freude, Spaltenboden – Das schmutzige Geschäft auf der Messe EuroTier

[Der Artikel ist am 17.11.2014 in der Online-Zeitung Huffington Post erschienen.]

Auf der weltgrET 08ößten Fachmesse für Nutztierhaltung, der EuroTier in Hannover, konnte man vergangene Woche nicht nur erleben, wie weitgehend Tiere in der modernen Fleisch-, Milch- und Eierindustrie als bloße Waren und Maschinen angesehen und behandelt werden. Sondern auch, welchen Aufwand die Industrie betreibt, um genau dies zu verschleiern. Friede, Freude, Spaltenboden – Das schmutzige Geschäft auf der Messe EuroTier weiterlesen

Weidehaltung torpediert Moorschutz

Es wird ja gern behauptet, die Weidehaltung von Rindern sei eine besonders ökologische Weise der Landnutzung. Die neue top agrar (11/2014, S. 50f.) zeigt auch andere Seiten: In Niedersachsen wehren sich gerade LandwirtInnen, insbesondere von Milchbetrieben, gegen die Ausweisung von Vorranggebieten für den Moorschutz, weil sie dadurch ihre Existenz bedroht sehen. Weidehaltung torpediert Moorschutz weiterlesen

Leserbrief zu Tübinger Affenversuchen

Als Aleserbrief tagblatt neuntwort auf die Stellungnahmen zweier Tübinger PhilosophInnen im Schwäbischen Tagblatt zu den Affenversuchen habe ich folgenden Leserbrief verfasst, der am 7.10. im Tagblatt erschienen ist.Die Beitrage von Eve-Marie Engels und Otfried Höffe sind hier und hier zu finden.

Realitätsfern

Die Beiträge von Eve-Marie Engels und Otfried Höffe zur Tierversuchsdebatte haben mich wütend gemacht. Indem sie scheinbar differenziert die Argumente beider Seiten aus ethischer Sicht erwägen, drücken sie sich um eine klare Positionierung und tragen so zur Legitimierung der Affenversuche bei.

Dabei gehen weder Engels noch Höffe auf die eigentlich zentrale ethische Frage ein, ob Tierversuche überhaupt ethisch zu rechtfertigen sind. Ohne Argument setzen sie voraus, dass Tiere zu unseren Zwecken geschädigt werden dürfen – man müsse nur sorgfältig abwägen und schonend vorgehen. Tatsächlich gibt es keine Rechtfertigung dafür, fühlende Individuen zu unseren Zwecken zu quälen.

Abgesehen von diesem grundsätzlichen Punkt, sind beide Beiträge rettunglos realitätsfern. Forderungen nach Alternativenforschung und Abwägung sind fromme Wünsche in Anbetracht der Geldverteilung, der üblichen Genehmigungspraxis und der Macht der Institutionen. Und zeigen nicht gerade die Tübinger Affenversuche, wie es tatsächlich läuft? Massives Leiden, ungewisser Nutzen: anything goes. Was für eine Abwägung vollziehen Engels und Höffe, wenn sie noch nicht mal bereit sind, diese Versuche klar zu verurteilen?

Die Affen leiden jetzt in diesem Moment. Die Labore sind der Ort, wo die Gewalt stattfindet, nicht etwa die Demonstrationen. Eigentlich müsste man die Affen sofort da rausholen – was mich davon abhält, sind die praktische Schwierigkeit und die drohende staatliche Repression. Aber das Mindeste, was in Anbetracht der offensichtlichen Gräuel in den Tübinger Laboren zu fordern ist, sind klare Positionierungen: Die Versuche müssen aufhören, und zwar sofort!

Warum für die Schließung aller Schlachthäuser?

Foto: Klaus Petrus

Foto: Klaus Petrus

Am 12. Juli 2014 war ich in Bern auf der Demo zur Schließung aller Schlachthäuser dabei und durfte einen Redebeitrag halten, aus dem ich jetzt einen Text gebastelt habe.

Schlachthäuser und “Nutztier”-Haltung
Ich habe mich sehr gefreut, eingeladen worden zu sein, u.a. weil mir der Titel der Demonstration besonders gut gefällt: Für die Schließung aller Schlachthäuser. Schlachthäuser sind einerseits ganz offensichtlich ein Ort brutaler Gewalt gegen Tiere. Sie werden auch öffentlich als solche wahrgenommen. Kaum jemand findet Schlachthäuser gut; die meisten Leute denken dabei an Leid, Angst, Stress, Blut und Tod. Schlachthäuser haben also schon ein ziemlich schlechtes Image.

Gleichzeitig ist es aber so, und deshalb finde ich den Titel so gelungen, dass Schlachthäuser nicht isoliert zu sehen sind. Schlachthäuser sind stattdessen ein wesentliches und notwendiges Element der gesamten „Nutztier“-Haltung. Alle so genannten Nutztiere werden ja gewaltsam getötet, und zwar nach ökonomischen Kriterien, weil sie letztlich nichts anderes als Waren sind. Im öffentlichen Diskurs wird viel über Haltungsbedingungen geredet. Die sind natürlich meistens auch übel und das Gerede von „Tierwohl“ und „artgerecht“ ist meist zynisch und daneben. Aber interessant ist, dass in dem ganzen Diskurs um Tierwohl etc. selten darüber gesprochen wird, dass auch Tiere aus den kleinsten, besten Nutzbetrieben geschlachtet werden. Meist in einem Alter, in dem sie noch einen Großteil ihres Lebens vor sich hätten. Jedes Mastschwein, auch aus dem besten Biofreilandhof, wird gewaltsam getötet und zwar zu dem Zeitpunkt, zu dem sich sein Körper sich am besten als Fleisch verkaufen lässt. Jede Kuh wird getötet, sobald sie nicht mehr rentabel ist, jede “Legehenne”, wenn ihre Legeleistung nachlässt, usw. Warum für die Schließung aller Schlachthäuser? weiterlesen

Drauf warten, dass die Zahl der Veganer steigt?

Heute ist in der ZEIT ein Streitgespräch zwischen Herwig Grimm aus Wien und mir erschienen. Und obwohl ich an mehrfachen Überarbeitungen beteiligt war, ist mir jetzt erst aufgefallen, dass ich an einer Stelle doch ganz anders hätte antworten sollen. Herwig Grimm sagt nämlich:

“Im Sinne der Schadensbilanz dürften Sie mehr erreichen, wenn Sie die Landwirte überzeugen, ihre Tiere besser zu halten, als wenn Sie darauf warten, dass die Zahl der Veganer steigt, die derzeit nur rund ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen. […]”

Darauf ich (u.a.):

“Die Zahl der Veganer steigt doch derzeit rasant.”

Damit wollte ich primär Grimms Aussage kontern, die so klingt, als täte sich an dieser “Front” überhaupt nichts. Aber viel wichtiger wäre gewesen, darauf hinzuweisen, dass ein bloßes Warten auf das Zunehmen der Zahl der Veganer tatsächlich nicht besonders sinnvoll ist. Mal abgesehen davon, dass Grimm in seinem Statement eine aktive Handlung mit einer passiven Haltung vergleicht und man es daher leicht umdrehen könnte – d.h. sagen könnte, es sei aussichtsreicher, Leute zu überzeugen, Veganer zu werden, anstatt darauf zu warten, dass die Landwirte ihre Tiere besser halten – ist es problematisch, den Fokus des Engagements für Tierrechte allein auf die Erhöhung des Veganeranteils zu legen. Wie in der ZEIT ganz oben auf derselben Seite angemerkt, wird hierzulande bereits weniger Fleisch gegessen, aber immer mehr produziert – für den Export. Überhaupt wird die Rolle der Nachfrage für die Entwicklung der Produktion leicht überschätzt. Es ist daher entscheidend, nicht nur auf den Konsum zu schauen, sondern eine starke soziale Bewegung zu schaffen, die direkt Einfluss auf die Produktion nimmt.
Auch darauf muss man nicht warten, sondern man kann heute damit anfangen. Indem man sich zum Beispiel direkt gegen den Neubau von Mastanlagen, gegen Schlachthöfe oder Tierversuchslabore engagiert.
Zur Zeit werden überall in Deutschland neue Tierfabriken geplant und auch ohne viel Aufsehen genehmigt, sofern es keinen Widerstand dagegen gibt. Während gutsituierte Städter veganen Cappuccino schlürfen, werden Millionen Tiere in neuen Anlagen eingestallt, abtransport, getötet und verkauft, hier und anderswo. Daher der Aufruf: Werdet Teil der Tierbefreiungsbewegung und tragt den Protest gegen die Ausbeutung und Gewalt gegen Tiere vom veganen Café an die Orte des Geschehens!

Was nicht heißen soll, dass eine Erhöhung des Veganeranteils nicht gut wäre – ich freue mich über jeden Euro, der nicht in diese Industrie fließt. Und auch für die Tierbefreiungsbewegung selbst ist es umso besser, je mehr Veganer es gibt, denn desto mehr Leute gibt es, die gegenüber der Tierausbeutung schon sehr kritisch sind. Aber noch besser wär’s, wenn die alle auch politisch aktiv würden!
Hier sind ein paar Links zu entsprechenden Gruppen:

Tierrechte, Multikulturalismus und die politische Linke

(PDF) Die TierrechtsphilosophInnen Will Kymlicka und Sue Donaldson versuchen die Frage zu beantworten, warum das Thema Tierrechte und Tierbefreiung eine so geringe Rolle innerhalb der politischen Linken in Nordamerika spielt. Ihre Überlegungen sind zwar nicht eins zu eins übertragbar auf den deutschsprachigen Raum, aber mit Sicherheit auch für die hiesige Bewegung interessant und bedenkenswert. Deshalb gebe ich hier eine Darstellung wesentlicher Thesen aus dem von Kymlicka gehaltenen Vortrag bzw. dem von Kymlicka und Donaldson zusammen verfassten Paper. 1

Tierrechte müssten eigentlich ein paradigmatisch linkes Thema sein, meinen K&D. Ganz analog zu anderen sozialen Bewegungen wie der Frauenbewegung, dem Gay Rights Movement oder der antirassistischen Bewegung ginge es der Tierrechtsbewegung darum, einer bislang unterdrückten Gruppe zur Gleichberechtigung zu verhelfen. Gleichwohl sei das Thema Tiere innerhalb der politischen Linken nahezu unsichtbar. Woran liegt das? K&D diskutieren verschiedene Gründe, aus denen Linke geneigt sein könnten, Tierrechte nicht in ihre Agenda aufzunehmen oder sogar politisch zu bekämpfen. Während sie mehrere Gründe als gänzlich unüberzeugend zurückweisen, halten sie andere für ernstzunehmend und diskussionswürdig: Es gebe eine berechtigte Sorge, dass manche Kampagnen zugunsten von Tieren bestimmten marginalisierten und unterdrückten Menschengruppen schadeten, indem sie rassistische Vorurteile verstärkten und einen weißen Mittelklasse-Standpunkt privilegierten. Die Tierrechtsbewegung solle dieser Gefahr gegenüber sensibel sein und sich entsprechend politisch verhalten. Allerdings sei diese Problematik letztlich – entgegen der Befürchtungen vieler Linken – ein Grund für die Annahme einer Tierrechtskonzeption im Unterschied zu einer bloßen Tierschutzkonzeption, wie sie zur Zeit in der Gesellschaft vorherrschend sei. Das gängige Tierschutzparadigma sei nämlich nicht nur katastrophal für Tiere, sondern auch schädlich für gesellschaftlich benachteiligte Menschen, insofern es erlaube, die Praktiken von Minderheiten als besonders grausam oder „barbarisch“ zu brandmarken, einfach weil sie nicht der gesellschaftlich akzeptierten Normalität der Tierausbeutung entsprächen. Tierrechte, Multikulturalismus und die politische Linke weiterlesen

Veranstaltung in Berlin: Buchvorstellung und Party, 28. März

Ort: Bar Schloss Neuschweinsteiger, Emserstr. 122/123, Berlin-Neukölln
Der Eintritt ist frei.

20 Uhr: Vorstellung des Sammelbandes durch die Herausgeberin Friederike Schmitz + Diskussion
22 Uhr: Feierei zum Erscheinen des Buches mit hoffentlich vielen der ÜbersetzerInnen und anderen HelferInnen

Klappentext Buch: Ist es legitim, nichtmenschliche Tiere für unsere Zwecke zu nutzen? Sie gefangen zu halten, zu töten oder Experimente mit ihnen anzustellen? In der vergleichsweise jungen philosophischen Disziplin der Tierethik werden je nach zugrunde gelegter Moraltheorie verschiedene Argumente vorgebracht, mit denen unsere gegenwärtigen Umgangsweisen mit Tieren gerechtfertigt oder – in den meisten Fällen – scharf kritisiert werden. Der Band versammelt – größtenteils erstmals in deutscher Übersetzung – die wichtigsten Beiträge zu dieser Debatte, u. a. von Tom Regan, Gary Francione, Martha Nussbaum, Cora Diamond, Christine Korsgaard und Will Kymlicka.
Mehr Infos + Leseprobe hier.

Veganes Blutvergießen und die Weidefleisch-Fiktion

Mit einem Artikel mit dem Titel “Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?” hat Paläo-Esser Felix Olschewski in der Veganszene viel Wind aufgewirbelt und viel wütende Kritik geerntet. Die ist zwar grundsätzlich berechtigt, wird aber teils auch der Komplexität der Sache nicht gerecht. Hiermit versuche ich mich also an einer weiteren Replik.

Alte Debatte
Zunächst ist zu bemerken, dass die von Olschewski vertretenen Thesen keineswegs neu sind. Bereits 2002 erschien im Journal for Agricultural and Environmental Ethics ein Artikel, in dem dafür argumentiert wurde, dass wir vor allem große Pflanzenfresser aus Weidehaltung verzehren sollten, wenn wir den geringstmöglichen Schaden für Tiere zum Ziel hätten. Die Argumente sind dieselben wie in Olschewskis Text, nur mit anderen Zahlen – weil die Getreideproduktion so viele Tiere töte, sollte man lieber Weidefleisch essen. Wenige Monate später wurde im selben Journal ein Aufsatz veröffentlicht, der einen Rechenfehler im ursprünglichen Artikel aufdeckte und mithilfe weiterer Überlegungen zum umgekehrten Schluss kam: Die fleischlose Ernährung beinhalte den geringsten Schaden für Tiere.
Wiederum pro Fleisch argumentiert Umweltaktivistin und Exveganerin Lierre Keith in ihrem Buch “The Vegetarian Myth” von 2009, das kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist. Olschewski könnte mehrere Überlegungen von ihr übernommen haben, u.a. die von ihr gebetsmühlenartig wiederholte These, man könne sich nicht ernähren, ohne dass jemand dafür stürbe, und man solle das akzeptieren und dann aus Umwelt- und Gesundheitsgründen Fleisch essen.

Wichtige Einsichten
Ich finde es wichtig zu bemerken, dass in dieser Debatte tatsächlich ein Teil Wahrheit steckt, den VeganerInnen gern übersehen: Es gibt so gut wie kein “tierleidfreies” Essen. Tatsächlich wird in jeder Form von Landwirtschaft Tieren geschadet – mindestens dadurch, dass sie von ihrem bisherigen Lebensraum vertrieben werden, den Menschen für sich als Ackerland beanspruchen. Wenn also behauptet wird, “vegan” stünde für “tierleidfrei”, dann ist das Quatsch. Das muss man anerkennen. Veganes Blutvergießen und die Weidefleisch-Fiktion weiterlesen

Nervige VeganerInnen (Leserbrief)

Im aktuellen SPIEGEL ist ein Artikel mit dem Titel “Die Besser-Essis”, Autor Carsten Holm, dessen Anfang so lautet:

(Der komplette Text ist hier: Link)

Guten Tag Herr Holm,

ich freue mich über Ihren Artikel, da Sie viele positive Aspekte der veganen Lebensweise darstellen, viele verschiedene Persönlichkeiten zu Wort kommen lassen und sogar ein paar der zentralen Gründe für die vegane Lebensweise nachvollziehbar darstellen.

Geärgert habe ich mich aber sehr über den Anfang des Artikels, weil Sie da — wie die meisten Leute, die über Veganismus schreiben — wieder einmal die abgegriffensten Klischees wiederkäuen.

Meiner Einschätzung nach hat sich an den VeganerInnen in den letzten Jahren vor allem eins geändert: dass sie mehr geworden sind. Das führt dazu, dass viele Menschen mittlerweile die Gelegenheit bekommen haben, mit einer Veganerin oder einem Veganer auch mal zu sprechen, und desto schwerer wird es, die Klischees von ihnen aufrechtzuerhalten. Zumal natürlich durch die größere Anzahl auch die Vielfältigkeit größer geworden ist: es gibt eben solche und solche. In allen Bereichen gibt es Leute, die gern diskutieren und versuchen, andere für ihre Sache zu gewinnen — wenn man gute Gründe für eine Lebensweise hat, finde ich das auch recht natürlich. Es gibt auch immer Leute, die lieber durch Vorleben begeistern oder denen es gar nicht wichtig ist, ob andere sich auch so verhalten wie sie. Nervige VeganerInnen (Leserbrief) weiterlesen

Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus

Einige Ähnlichkeiten und Zusammenhänge von Sexismus und Speziesismus

Das Folgende ist eine Verschriftlichung eines Vortrags, den ich beim Workshopwochenende “Zusammen zum Ziel” in Braunschweig im Oktober 2012 gehalten habe.
Im ersten Teil, „Fleisch und Männlichkeit“, wird dargestellt, wie anhand des Konsums von (toten) Tieren Machtverhältnisse zwischen männlich und weiblich definierten Menschen erstens abgebildet und zweitens symbolisch repräsentiert werden.
Im zweiten Teil, „Sexualisierung von Tieren und ‘Ver­fleischlichung’ von Frauen“ wird Carol Adams Konzeption des „abwesen­den Referenten“ erläutert. Mit deren Hilfe kann die Rolle bestimmter kultureller Bilder analysiert werden, in denen die Ausbeutung von Tieren und von Frau­en miteinander verknüpft werden. Grundlage dieser Verknüpfung sind bestimmte Parallelen in den Ausbeu­tungsverhältnissen, die ebenfalls dar­gestellt werden.
Der dritte Teil, „Sexis­mus und Antisexismus in der Tierbe­freiungsbewegung“ zeichnet mithilfe von Überlegungen von Brian Luke nach, inwieweit Genderklischees sich auf die gesellschaftliche Auseinander­setzung über die Behandlung von Tie­ren auswirken und wie die Tierbefrei­ungsbewegung damit und mit den Verschränkungen beider Unter­drückungsverhältnisse umgeht bzw. umgehen sollte.

1. Fleisch und Männlichkeit

Männer essen mehr Fleisch als Frauen: früher, heute, hier und anderswo. In der ersten nationalen Verzehrstudie in Großbritannien heißt es: „In sehr ar­men Familien ist die Ehefrau wahr­scheinlich die am schlechtesten ernähr­te Person.“1 Der Hauptunterschied in der Ernährung von Frauen und Män­nern in derselben Familie lag in der Menge des konsumierten Fleisches. Auch heute gilt: Wenn Nahrung knapp ist, sind die Unterschiede besonders auffällig und reflektieren die Macht­verhältnisse in der Familie: das vermeintlich wert­vollste Nahrungsmittel ist dem männ­lichen Familienoberhaupt vorbehal­ten.2 Und das, obwohl der Bedarf an Eiweiß bei Frauen während der Schwangerhaft und der Stillzeit deut­lich höher ist als der von Männern.3 Heute sind weltweit deutlich mehr Frauen von Hunger betroffen als Män­ner.4
In Deutschland essen männlich defi­nierte Personen etwa doppelt so viel Fleisch und Wurstwaren wie weib­lich definierte Personen, während sie weniger Gemüse und Obst zu sich nehmen.5

Fuck Salad

Diese reale Verteilung entspricht ei­nem gängigen Klischee: beim Date be­stellt der Mann ein Steak, die Frau einen Salat. Wie bei Geschlechterkli­schees üblich, hat dieses nicht nur de­skriptiven Charakter – in dem Sinn hat es ja sogar eine durch die Statistik ge­gebene Berechtigung – sondern zeigt eine gesellschaftliche Norm auf: Män­ner sollen Fleisch essen, Frauen dage­gen eher pflanzliche Nahrung oder „fe­minisierte Proteine“, wie Carol Adams Eier und Milchprodukte nennt, die auf der Ausbeutung der weiblichen Reproduktionssysteme beruhen. Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus weiterlesen