Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus

Einige Ähnlichkeiten und Zusammenhänge von Sexismus und Speziesismus

Das Folgende ist eine Verschriftlichung eines Vortrags, den ich beim Workshopwochenende „Zusammen zum Ziel“ in Braunschweig im Oktober 2012 gehalten habe.
Im ersten Teil, „Fleisch und Männlichkeit“, wird dargestellt, wie anhand des Konsums von (toten) Tieren Machtverhältnisse zwischen männlich und weiblich definierten Menschen erstens abgebildet und zweitens symbolisch repräsentiert werden.
Im zweiten Teil, „Sexualisierung von Tieren und ‚Ver­fleischlichung‘ von Frauen“ wird Carol Adams Konzeption des „abwesen­den Referenten“ erläutert. Mit deren Hilfe kann die Rolle bestimmter kultureller Bilder analysiert werden, in denen die Ausbeutung von Tieren und von Frau­en miteinander verknüpft werden. Grundlage dieser Verknüpfung sind bestimmte Parallelen in den Ausbeu­tungsverhältnissen, die ebenfalls dar­gestellt werden.
Der dritte Teil, „Sexis­mus und Antisexismus in der Tierbe­freiungsbewegung“ zeichnet mithilfe von Überlegungen von Brian Luke nach, inwieweit Genderklischees sich auf die gesellschaftliche Auseinander­setzung über die Behandlung von Tie­ren auswirken und wie die Tierbefrei­ungsbewegung damit und mit den Verschränkungen beider Unter­drückungsverhältnisse umgeht bzw. umgehen sollte.

1. Fleisch und Männlichkeit

Männer essen mehr Fleisch als Frauen: früher, heute, hier und anderswo. In der ersten nationalen Verzehrstudie in Großbritannien heißt es: „In sehr ar­men Familien ist die Ehefrau wahr­scheinlich die am schlechtesten ernähr­te Person.“1 Der Hauptunterschied in der Ernährung von Frauen und Män­nern in derselben Familie lag in der Menge des konsumierten Fleisches. Auch heute gilt: Wenn Nahrung knapp ist, sind die Unterschiede besonders auffällig und reflektieren die Macht­verhältnisse in der Familie: das vermeintlich wert­vollste Nahrungsmittel ist dem männ­lichen Familienoberhaupt vorbehal­ten.2 Und das, obwohl der Bedarf an Eiweiß bei Frauen während der Schwangerhaft und der Stillzeit deut­lich höher ist als der von Männern.3 Heute sind weltweit deutlich mehr Frauen von Hunger betroffen als Män­ner.4
In Deutschland essen männlich defi­nierte Personen etwa doppelt so viel Fleisch und Wurstwaren wie weib­lich definierte Personen, während sie weniger Gemüse und Obst zu sich nehmen.5

Fuck Salad

Diese reale Verteilung entspricht ei­nem gängigen Klischee: beim Date be­stellt der Mann ein Steak, die Frau einen Salat. Wie bei Geschlechterkli­schees üblich, hat dieses nicht nur de­skriptiven Charakter – in dem Sinn hat es ja sogar eine durch die Statistik ge­gebene Berechtigung – sondern zeigt eine gesellschaftliche Norm auf: Män­ner sollen Fleisch essen, Frauen dage­gen eher pflanzliche Nahrung oder „fe­minisierte Proteine“, wie Carol Adams Eier und Milchprodukte nennt, die auf der Ausbeutung der weiblichen Reproduktionssysteme beruhen.

Fleisch zu essen, gehört zur sozial kon­struierten Männlichkeit: Männer, die sich dem verweigern, werden als un­männlich wahrgenommen; in Kochbü­chern werden die Gerichte mit den größten Fleischportionen als Essen für Männer ausgezeichnet; auf männlich geprägten Veranstaltungen wie Fuß­ballspielen gibt es besonders viel Fleisch zu essen; beim Familiengrillen sind die Männer für das Wenden der blutigen Steaks zuständig.

Dass ein richtiger Mann Fleisch ist, wird in mehreren Werbeclips für Tier­körperprodukte thematisiert.

Die Mancademy, wo „Männer in ihren natürlichen Zustand zurückversetzt werden“:

I am hungry, I am incorrigible, I am Man“:

Die Verknüpfung von Fleisch und Männlichkeit geht so weit, dass Fleisch als Symbol für männliche Stärke und Dominanz fungiert. Im Englischen wird mit „meat of the matter“ der wichtigste Aspekt einer Sache bezeich­net. Gemüse hingegen ist ein Symbol weiblicher Passivität: „human vegetable“ steht für einen Menschen, der nur noch „dahinvegetiert“. Weibliche oder homosexuelle Männer werden als „fruit“ bezeichnet.

Da Fleisch aus getöteten Tieren be­steht, liegt es nahe, dass für seine kul­turelle Bedeutung auch Vorstellungen von Gewalt, Beherrschung und Ver­nichtung relevant sind. Eine reichhaltige Fundgrube für Veranschaulichungen dieser Zusammenhänge ist das deutsche Kochmagazin Beef, das speziell Männer adressiert.

Beef

Das Magazin entwickelte sich aus einem Verein heraus: “Männer kochen für Männer e.V.” In der Vereinssatzung liest man gleich in §2: “Urzeitliche Härte: keine Possierlichkeit. Wenn Männer kochen, müssen Flaschen zu Bruch gehen, muss Blut fliessen, müssen Tiere sterben – zumindest vorher.”
Normative männliche „Stärke“ und „Härte“ zeigt sich hier also gerade in der gewalttätigen, mitleidlosen Bezie­hung zu anderen Lebewesen. In dieser Weise herrschen Männer über Tiere.

In der patriarchalischen Welt bestehen nun bekanntlich auch Ausbeutungs- und Herrschaftsbeziehungen zwischen „Männern“ und „Frauen“, d. h. die so­zial konstruierte Männlichkeit beinhal­tet nicht nur die Dominanz über Tiere, sondern auch über „das Weibliche“. Tierkonstrukt und Frauenbild weisen aufgrund dessen bedeutende Parallelen auf, die u. a. von Birgit Mütherich dargestellt wurden.6

Die Differenz von Mensch und Tier läuft der von Mann und Frau parallel: Tiere und Frauen stehen auf der Seite der Natur dem menschlichen/männlichen Geist gegenüber, sind trieb- oder instinktgesteuert bzw. emotional oder sentimental, während die Vernunft als männliche Errungenschaft erscheint. In Bezug auf Tiere wie Frauen wurde versucht, einen Unterschied zum Menschen bzw. zum Mann biologisch zu fundieren. So schrieb noch 1907 der Arzt und Psychiater Paul Julius Möbius:

„Der Instinkt nun macht das Weib tierähnlich, unselbständig, sicher und heiter (…) Mit dieser Tierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigenschaften zusammen. Zunächst der Mangel eignen Urteils (…) Wie die Tiere seit undenklichen Zeiten immer dasselbe tun, so würde auch das menschliche Geschlecht, wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzustand geblieben sein. Aller Fortschritt geht vom Manne aus.“7

Die Verknüpfung von Frauen und Tie­ren in ihrer Rolle als Beherrschte wird besonders deutlich in einer bestimm­ten Überlappung kultureller Bilder: In der Sexualisierung von (zum Verzehr bestimmten) Tieren und der „Ver­fleischlichung“ von Frauen.

2. Sexualisierung von Tieren und „Verfleischlichung“ von Frauen

Tiere zu töten und Fleisch zu essen ge­hört zur sozial konstruierten Männlichkeit. In dieser ist außerdem ein bestimmtes Verhältnis von Männern und Frauen angelegt: Überlegenheit, Beherrschung und sexuelle Verfügbarkeit. Carol Adams These ist, dass die damit jeweils verbundenen Bilder auf komplexe Weise überlappen und wechselwirken. Sie erläutert das mithilfe des Begriffs des „Abwesenden Referenten“8. Der Ausdruck dient zur Beschreibung einer Beziehungs- und Verweisstruktur zwischen realen Dingen, Lebewesen und/oder Bedeutungen, Metaphern und Bildern. Dabei verweist immer etwas Sichtbares auf etwas Unsichtbares, welches damit zugleich anwesend und abwesend ist. Beispiele helfen, das zu erläutern:
Ein Stück Fleisch liegt auf einem Teller. Fleisch ist generell in unserer Gesellschaft etwas sehr Sichtbares – es ist überall anzutreffen. Adams zufolge verweist nun jedes Stück Fleisch auf das Tier, zu dessen Körper es ehemals gehört hat: Das Schwein ist der abwesende Referent zum Schnitzel auf dem Teller. Es ist insofern anwesend, als es gewissermaßen hinter dem „Produkt“ steht, das ohne seinen Tod nicht existieren würde. Es ist aber gleichzeitig abwesend, nicht nur insofern es tot ist, sondern auch, insofern Fleisch häufig extra so präsentiert wird, dass das Tier dahinter verschwindet: das Schwein und sein Tod werden absichtlich unsichtbar gemacht.

Noch auf andere Weise können Tiere abwesende Referenten sein: Wenn ein bestimmter, gewaltgeprägter Umgang mit Tieren als Metapher zur Beschrei­bung von Gewalterfahrungen dient, die Menschen machen: „Ich habe mich gefühlt wie ein Stück Fleisch.“ Insbe­sondere Opfer sexueller Gewalt brin­gen manchmal so ihre Erfahrungen zum Ausdruck. Niemand kann sich im wörtlichen Sinn fühlen wie ein Stück Fleisch. Das Schicksal von Tieren, die zu Fleisch gemacht werden, wird also in eine Metapher für die Existenz oder das Schicksal von jemand anderem verwandelt.9
Ein abwesender Referent kann all das werden, was um seine ursprüngliche Bedeutung gebracht wird, indem es in ein neues Bedeutungssystem eingespeist wird.
Mithilfe der Fleisch-Metaphorik drücken Frauen aus, dass sie sich als leblose Gegenstände behandelt fühlen, als Materie ohne Geist oder Bewusst­sein, als Produkte zum Gebrauch. Dazu passt, dass dieselbe Metaphorik auch diskriminierend gegen Frauen be­nutzt wird: Bordelle heißen „maisons d’abbatage“ – Schlachthaus; in Pornos kommen Tierhaltungsinstrumente vor – Ketten, Kuhtreiber, usw, Frauen wer­den als konsumierbares Fleisch darge­stellt.10

Frau als Fleisch

Wenn Feminist*innen bei der Kritik sexualisierter Gewalt dieselbe Bildlichkeit benutzen, bestätigen sie die Metapher: kritisiert wird, dass Frauen behandelt werden wie Tiere – wobei es als Normalität angesehen wird, dass Tiere so behandelt werden, solange die Realität hinter der Meta­pher nicht thematisiert wird. Auch das ist ein Aspekt der Struktur des abwe­senden Referenten: ein Gewaltverhält­nis wird stillschweigend akzeptiert, wenn es zur Darstellung eines anderen verwendet wird. Adams schreibt:

„Auch Feminist*innen machen sich die Metapher des Schlachtens zunutze, ohne die ursprüngliche Unter­drückung von Tieren zu würdigen, die die Kraft der Metapher erzeugt. Durch die Funktion des abwesenden Referen­ten wird in der westlichen Kultur fort­während die greifbare Realität der Ge­walt in kontrollierte und kontrollierba­re Metaphern verwandelt.“

Nun werden nicht nur Frauen „ver­fleischlicht“, d. h. als konsumierbare, tote Objekte dargestellt, sondern umgekehrt wird auch Fleisch sexualisiert: tote Tiere werden mit sexuellen Konnotationen präsentiert – z.B. wenn im Beef-Magazin das Rupfen eines Huhns mit „Ich mach dich nackig“ überschrieben ist.

Was genau haben nun eigentlich Flei­schessen und Frauenunterdrücken ge­meinsam? Wieso gibt es diese Zusam­menhänge?
Adams zufolge gibt es einen Kreis von Verdinglichung, Zerteilung, Konsum (objectification, fragmentation, consumpti­on), durch den Schlachtung und sexu­elle Gewalt in unserer Kultur verbun­den sind. Es handelt sich also um sich überschneidende Unterdrückungsme­chanismen mit ähnlicher Struktur: nichtmenschliche Tiere und weiblich sozialisierte Menschen werden wört­lich oder metaphorisch besiegt, zerteilt, beherrscht, konsumiert, verdinglicht, zerstört.
Als Konsequenz fordert Adams eine vegan-feministische kritische Theorie und eine vegan-feministische Bewegung. Ihr zufolge ist schon der Vegetarismus als solcher eine Herausforderung der männlichen Dominanzstruktur:

„Das Essen von Tieren fungiert als ein Spiegel und eine Repräsentation patriarchaler Werte. Durch Fleischessen wird die männliche Macht bei jeder Mahlzeit erneut festge­schrieben. […] Wer selbstbestimmt und antipatriarchalisch ist, lebt klarerweise vegetarisch. Um den patriarchalen Konsum zu destabilisieren, müssen wir den pa­triarchalen Verzehr von Fleisch unter­brechen.“11

3. Sexismus, Antisexismus und die Tierbefreiungsbewegung

Brian Luke weist in seinem Buch „Bru­tal. Manhood and the Exploitation of Animals“ darauf hin, dass die Institu­tionen der Tierausbeutung primär von Männern (Bauern, Schlachter, Jäger, Vivisektoren) repräsentiert werden, die Tierbewegung dagegen vor allem aus Frauen bestünde.12

Luke fordert uns auf, uns vorzustellen, es sei andersherum: fast alle Jäger*innen wä­ren Frauen, fast als Vivisekor*innen, fast alle Schlachter*innen usw. Dage­gen würden auf Demos gegen Tierver­suche oder gegen Fleisch vor allem Männer auftreten und ihre männlichen Gefühle zum Ausdruck bringen. Die Seltsamkeit, mit der diese Vorstellung einhergeht, sei ein Gradmesser für die Verschränktheit von Sexismus und Speziesismus.

Für diese Ungleichverteilung gibt es verschiedene Erklärungen: Frauen ha­ben besseren Zugang zu ihren Gefüh­len (aufgrund gesellschaftlicher Erwar­tungen), Frauen haben mehr mit Haus­tieren zu tun, aber auch: Frauen wer­den in der patriarchalen Gesellschaft auf ähnliche Weisen unterdrückt wie Tiere.
In dem genannten Buch untersucht Luke die Konstruktion von Männlich­keit durch kulturelle Bilder von Jagd und Tiertötung. Er meint auch, dass obwohl das meiste Fleisch, das geges­sen wird, nicht mehr gejagt ist, das Bild der Jagd doch die kulturelle Be­deutung von Fleischessen prägt.
Männlichkeit wird seiner Ansicht nach im Gegensatz zu Weiblichkeit über Herrschaft definiert – besonders leicht real und symbolisch ausgedrückt durch die Beherrschung, Ausbeutung und Tötung von nichtmenschlichen Tieren. Demnach greift man automa­tisch die sexistische, patriarchale Ge­sellschaftsordnung an, wenn man Tier­ausbeutung angreift: Männlichkeit müsste völlig neu definiert werden, wenn sie wegfallen würde! Luke schreibt:

“In diesem Sinne ist der Kampf für Tierbefreiung auch ein Kampf gegen eine Männlichkeit, die durch Sexismus definiert ist.”13

Luke beschäftigt sich im hinteren Teil des Buches mit der Tierbefreiungsbe­wegung, um zu klären, inwieweit dar­in die Gender-Spezifika der Tieraus­beutung einbezogen werden. Seiner Ansicht nach fehlt es da an Sensibilität für diese Phänomene. Normal sei, dass das Tierbefreiungsanliegen als unab­hängig von Genderfragen- und ver­hältnissen dargestellt werde, was es aus genannten Gründen nicht sei. Aber Luke stellt auch bestimmte Formen von Sexismus innerhalb der Bewegung fest.
Die erste Form ist relativ offensichtlich: Werbung gegen Tierausbeutung, die mit denselben Bildern und Metaphern spielt und diese dadurch bestätigt.

In Bezug auf PETA gibt Luke übrigens eine interessante These von Adams wieder: PETA betreibt bekanntlich Tierschutz- und Tierrechtsarbeit mit einer single-issue-Strategie, d. h. sie kümmert sich nur um dieses Thema und bezieht andere gesellschaftliche Ungerechtigkeiten nicht mit ein. Luke und Adams meinen nun, PETA müsse letztlich sexistisch sein, um dieser single-issue-Strategie gerecht zu wer­den: sie müssen quasi den Schaden, den sie dem sexistischen Weltbild zufügen, indem sie für Tiere eintreten, wieder reparieren.14

Die zweite Form von Sexismus in der Tierbefreiungsbewegung, auf die Luke hinweist, ist etwas subtiler. Sie kommt dadurch zustande, dass die hohe An­zahl von Aktivistinnen und insgesamt ein ‚weibliches Image’ der Bewegung als PR-Problem für diese wahrgenom­men werden. Wer sich für Tiere einsetzt, wird nicht ernst genommen und als sentimental, unsachlich, irrational dargestellt.15

Dagegen haben insbesondere die aka­demischen Philosophen der Tierethik versucht, die Tierbefreiungsposition intellektuell respektabel zu machen, in­dem sie sie als rational begründet er­weisen wollten. Peter Singer und Tom Regan – deren wichtige Rolle für die Bewegung bei aller Kritik, die insbe­sondere an Singer berechtigt ist, nicht geleugnet werden sollte – distanzieren sich explizit von „animal lovers“ und wollen zeigen, dass die Verteidigung der Tiere nicht nur eine Sache von „kleinen alten Damen in Tennisschuhen“ sei – dieses Bild früher Vegetarierinnen wird von mehreren Theoretikern benutzt.16

Entsprechend werden Mitleid, Fürsor­ge und Gefühle überhaupt als schlechte Gründe für eine Tierrechts­position angesehen. Stattdessen wird eine rationale Ethik verteidigt, die sich nicht auf Gefühle (wie Mitleid) stützt, weil diese immer unverlässlich seien.17 Dahinter steht Luke zufolge auch eine patriarchale Konzeption der Rolle von Ethik: Die Idee sei, dass Menschen quasi von Natur aus, von ihrer Trieb­natur her dazu geneigt seien, Tiere zu quälen und auszubeuten. Diese Nei­gungen müssten durch die Vernunft – in Form einer rational begründeten tie­rethischen Theorie – unter Kontrolle gebracht und gehalten werden. Damit würden freilich die alten Dichotomien von Vernunft und Gefühl wiederholt.
Luke behauptet dagegen, dass alle Menschen ‚von Natur aus’ eigentlich mit Tieren mitfühlen: Dieses Mitgefühl würde zur Zeit von von der tieraus­beutenden Industrie durch verschiede­ne Mechanismen unterdrückt – es sei so verlässlich, dass alle diese Industri­en sorgfältige Vorkehrungen treffen, um es nicht wirksam werden zu lassen.18

Die Aufgabe der Ethik sollte in dieser Situation Luke zufolge nicht sein, ir­gendwelche Neigungen zu kontrollie­ren, sondern im Gegenteil die Men­schen wieder dazu zu befähigen, aus ihrem naturgegebenen Mitleid heraus zu handeln. Die wahre Tierbefreiungsethik sei auch für Menschen befreiend, nicht restriktiv. Mitgefühl, Mitleid, „caring“ müssten als angemessene Reaktion auf die Tierausbeutung anerkannt werden.

Eine Gefahr gilt es aber dabei allerdings im Auge zu behalten: Mitleid kann auch als Teil der patriarchalen Herrschaftsstruktur funktionieren: so sieht Luke den Tierschutz.
Um Tierausbeutung zu beenden, müs­sen wir daher all diese Verschränkun­gen mit berücksichtigen: d. h. letztlich, wir müssen die Männlichkeit angrei­fen, wie sie im Sexismus mittels der Beherrschung von anderen konstruiert wurde.

Adams, Carol (2003): The Pornography of Meat, New York: Continuum.
Adams, Carol (2010): The Sexual Politics of Meat, New York: Continuum.
Luke, Brian (2007): Brutal Manhood and the Exploitation of Animals, Urbana and Chicago: University of Illinois Press.
Mütherich, Birgit: Die Konstruktion des Anderen: Zur soziologischen Frage nach dem Tier. (http://www.theopenunderground.de/@pdf/nurse/natu/SozialeKonstruktiondesAnderen.pdf)

  1. Siehe Adams 2010, S. 51 [zurück]
  2. Vgl. Adams 2010., S. 51 [zurück]
  3. Nur dass hier keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich brauchen weder Männer noch Frauen tierliches Eiweiss für eine gesunde Ernährung. Es wird erstens nur fälschlicherweise als besonders wertvoll angesehen (ist in Wahrheit ja sogar ungesund), zweitens hat es natürlich dann tatsächlich einen Wert, wenn die Nahrungsversorgung schlecht ist — einfach weil dann alles einen Wert hat, das satt macht und ein paar Nährstoffe enthält. Natürlich können Menschen aber auch gerade dadurch unterernährt sein, dass Ressourcen zur Herstellung oder Erwerb von Fleisch eingesetzt werden, die besser für pflanzliche Nahrungsmittel verwendet werden könnten. [zurück]
  4. http://www.wfp.org/hunger/who-are [zurück]
  5. http://www.mri.bund.de/no_cache/de/institute/ernaehrungsverhalten/forschungsprojekte/die-nationale-verzehrsstudie-ii.html [zurück]
  6. http://www.theopenunderground.de/@pdf/nurse/natu/SozialeKonstruktiondesAnderen.pdf [zurück]
  7. Vgl. Mütherich. [zurück]
  8. Vgl. Adams 2010, S. 66 ff. [zurück]
  9. Adams 2010, S. 67. [zurück]
  10. Adams 2010, S. 68. [zurück]
  11. Adams 2010, S. 241 f. [zurück]
  12. Luke bezieht sich auf Studien aus den 90er Jahren in Amerika; heute und in Deutschland sieht das möglicherweise nur dann ähnlich aus, wenn man die gesamte Tierbewegung, d. h. inklusive Tierschützer*innen betrachtet, ich habe aber dazu keine Zahln. Siehe Luke 2007, S. 11. [zurück]
  13. Luke 2007, S. 23 [zurück]
  14. Luke 2007, S. 220; siehe Adams 2003, S. 169. [zurück]
  15. Diese Strategie der Diffamierung von Gegner*innen wird von zahlreichen Lobbies zur Durchsetzung politischer Interessen benutzt: dass Kritiker*innen von Massentierhaltung unsachlich seien, ist eine Standardbehauptung von TierausbeuterInnen; aber auch Gentechnik- und AtomkraftlobbyistInnen versuchen Gegner*innen mit dem Vorwurf der Irrationalität und Emotionalität zu schwächen. [zurück]
  16. Luke 2007, S. 212. [zurück]
  17. Luke 2007. S. 222 [zurück]
  18. Luke 2007, S. 224. [zurück]

4 Replies to “Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus”

  1. Vielen Dank für deinen Artikel!! Leider gibt es im deutschsprachigen Raum immernoch sehr wenige Artikel, die diese Zusammenhänge beleuchten.

  2. Zu Fußnote 12: Mein Eindruck ist, in der (politischen) Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung ist das Geschlechterverhältnis recht ausgewogen. Im Tierschutz hingegen, sind überwiegend Frauen. Wie es in der „Hauptsache für die Tiere“ Fraktion aussieht, weiß ich nicht. Die meisten theoretischen Texte und Bücher stammen hingegen wieder von Männern.

  3. Vielen Dank für diesen durchdenkenswerten Artikel und die plastischen Beispiele. Mir hat die Tragweite der herausgearbeiteten Zusammenhänge und das Gedankenexperiment die Augen geöffnet, obwohl ich bereits für die Thematik sensibilisiert war.

    Die Parallelen von Speziesismus zu Sexismus und anderen Diskriminierungsformen zeigen sich nicht nur in ihrer selbstverständlichen Allgegenwart und der Form ihrer Präsentation, sondern auch in den Verteidigungsmechanismen und -argumenten.

    Das alles basiert meiner Ansicht nach auf einer grundsätzlichen hierarchischen Wahrnehmung dessen, wer wieviel wert ist, und wer somit welche Rechte und welche Rolle einzunehmen hat. Die einzelnen Diskriminierungsformen (Sexismus, Speziesismus, Rassismus,…) sind aus meiner Sicht alle Ausdruck dieser indoktrinierten Selbstverständlichkeit. Dort gilt es anzusetzen. Da nichtmenschliche Tiere oft als das schwächste Glied in dieser Kette fungieren (wenngleich auch hier weiter unterteilt wird), sind gerade Gedanken und Debatten über Tierrechte ein sehr guter Gradmesser dafür, wie tief eine diskriminierende Grundhaltung in der Gesellschaft und in einem selbst verankert ist.

    Der erste Schritt heraus wäre der ehrliche Dialog darüber, der insbesondere auch in einem selbst stattfinden sollte. Ich gehe davon aus, dass kein Mensch frei ist von unbewussten Mustern, die Teil der Gesellschaft sind, in der er hineinsozialisiert wurde – und sei er noch so reflektiert. Erst das Bewusstmachen solcher internalisierten Ansichten befähigt überhaupt zu der Entscheidungsfreiheit, eine eigene Haltung einzunehmen und selbstbestimmt zu handeln. Leider greift hier häufig eine weitere gesellschaftliche Prägung, nämlich die, dass es oft als Schande erlebt wird, Fehler zu machen, statt dies als natürlichen Teil eines stetigen Werdungsprozess anzusehen. Dadurch fällt es oftmals schwer, sich diese Fehler einzugestehen, geschweige denn, sogar dafür einzustehen und Dinge zu verändern. Wir haben es mit einer Kultur des Leugnens und Trivialisierens von Fehlern zu tun.

    Es ist allerdings gut möglich, dass die nicht verurteilende analytische Art des Artikels teilweise auf die Lesenden überspringt und dabei hilft, die genannten Strukturen zu durchbrechen.

    Ganz vielen Dank!

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