Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus

Einige Ähnlichkeiten und Zusammenhänge von Sexismus und Speziesismus

Das Folgende ist eine Verschriftlichung eines Vortrags, den ich beim Workshopwochenende “Zusammen zum Ziel” in Braunschweig im Oktober 2012 gehalten habe.
Im ersten Teil, „Fleisch und Männlichkeit“, wird dargestellt, wie anhand des Konsums von (toten) Tieren Machtverhältnisse zwischen männlich und weiblich definierten Menschen erstens abgebildet und zweitens symbolisch repräsentiert werden.
Im zweiten Teil, „Sexualisierung von Tieren und ‘Ver­fleischlichung’ von Frauen“ wird Carol Adams Konzeption des „abwesen­den Referenten“ erläutert. Mit deren Hilfe kann die Rolle bestimmter kultureller Bilder analysiert werden, in denen die Ausbeutung von Tieren und von Frau­en miteinander verknüpft werden. Grundlage dieser Verknüpfung sind bestimmte Parallelen in den Ausbeu­tungsverhältnissen, die ebenfalls dar­gestellt werden.
Der dritte Teil, „Sexis­mus und Antisexismus in der Tierbe­freiungsbewegung“ zeichnet mithilfe von Überlegungen von Brian Luke nach, inwieweit Genderklischees sich auf die gesellschaftliche Auseinander­setzung über die Behandlung von Tie­ren auswirken und wie die Tierbefrei­ungsbewegung damit und mit den Verschränkungen beider Unter­drückungsverhältnisse umgeht bzw. umgehen sollte.

1. Fleisch und Männlichkeit

Männer essen mehr Fleisch als Frauen: früher, heute, hier und anderswo. In der ersten nationalen Verzehrstudie in Großbritannien heißt es: „In sehr ar­men Familien ist die Ehefrau wahr­scheinlich die am schlechtesten ernähr­te Person.“1 Der Hauptunterschied in der Ernährung von Frauen und Män­nern in derselben Familie lag in der Menge des konsumierten Fleisches. Auch heute gilt: Wenn Nahrung knapp ist, sind die Unterschiede besonders auffällig und reflektieren die Macht­verhältnisse in der Familie: das vermeintlich wert­vollste Nahrungsmittel ist dem männ­lichen Familienoberhaupt vorbehal­ten.2 Und das, obwohl der Bedarf an Eiweiß bei Frauen während der Schwangerhaft und der Stillzeit deut­lich höher ist als der von Männern.3 Heute sind weltweit deutlich mehr Frauen von Hunger betroffen als Män­ner.4
In Deutschland essen männlich defi­nierte Personen etwa doppelt so viel Fleisch und Wurstwaren wie weib­lich definierte Personen, während sie weniger Gemüse und Obst zu sich nehmen.5

Fuck Salad

Diese reale Verteilung entspricht ei­nem gängigen Klischee: beim Date be­stellt der Mann ein Steak, die Frau einen Salat. Wie bei Geschlechterkli­schees üblich, hat dieses nicht nur de­skriptiven Charakter – in dem Sinn hat es ja sogar eine durch die Statistik ge­gebene Berechtigung – sondern zeigt eine gesellschaftliche Norm auf: Män­ner sollen Fleisch essen, Frauen dage­gen eher pflanzliche Nahrung oder „fe­minisierte Proteine“, wie Carol Adams Eier und Milchprodukte nennt, die auf der Ausbeutung der weiblichen Reproduktionssysteme beruhen.

Fleisch zu essen, gehört zur sozial kon­struierten Männlichkeit: Männer, die sich dem verweigern, werden als un­männlich wahrgenommen; in Kochbü­chern werden die Gerichte mit den größten Fleischportionen als Essen für Männer ausgezeichnet; auf männlich geprägten Veranstaltungen wie Fuß­ballspielen gibt es besonders viel Fleisch zu essen; beim Familiengrillen sind die Männer für das Wenden der blutigen Steaks zuständig.

Dass ein richtiger Mann Fleisch ist, wird in mehreren Werbeclips für Tier­körperprodukte thematisiert.

Die Mancademy, wo “Männer in ihren natürlichen Zustand zurückversetzt werden”:

„Männer, zurück an den Grill!“:

I am hungry, I am incorrigible, I am Man“:

Die Verknüpfung von Fleisch und Männlichkeit geht so weit, dass Fleisch als Symbol für männliche Stärke und Dominanz fungiert. Im Englischen wird mit „meat of the matter“ der wichtigste Aspekt einer Sache bezeich­net. Gemüse hingegen ist ein Symbol weiblicher Passivität: „human vegetable“ steht für einen Menschen, der nur noch „dahinvegetiert“. Weibliche oder homosexuelle Männer werden als „fruit“ bezeichnet.

tier zum bier

Da Fleisch aus getöteten Tieren be­steht, liegt es nahe, dass für seine kul­turelle Bedeutung auch Vorstellungen von Gewalt, Beherrschung und Ver­nichtung relevant sind. Eine reichhaltige Fundgrube für Veranschaulichungen dieser Zusammenhänge ist das deutsche Kochmagazin Beef, das speziell Männer adressiert.

Beef

Das Magazin entwickelte sich aus einem Verein heraus: “Männer kochen für Männer e.V.” In der Vereinssatzung liest man gleich in §2: “Urzeitliche Härte: keine Possierlichkeit. Wenn Männer kochen, müssen Flaschen zu Bruch gehen, muss Blut fliessen, müssen Tiere sterben – zumindest vorher.”
Normative männliche „Stärke“ und „Härte“ zeigt sich hier also gerade in der gewalttätigen, mitleidlosen Bezie­hung zu anderen Lebewesen. In dieser Weise herrschen Männer über Tiere.

In der patriarchalischen Welt bestehen nun bekanntlich auch Ausbeutungs- und Herrschaftsbeziehungen zwischen „Männern“ und „Frauen“, d. h. die so­zial konstruierte Männlichkeit beinhal­tet nicht nur die Dominanz über Tiere, sondern auch über „das Weibliche“. Tierkonstrukt und Frauenbild weisen aufgrund dessen bedeutende Parallelen auf, die u. a. von Birgit Mütherich dargestellt wurden.6

Die Differenz von Mensch und Tier läuft der von Mann und Frau parallel: Tiere und Frauen stehen auf der Seite der Natur dem menschlichen/männlichen Geist gegenüber, sind trieb- oder instinktgesteuert bzw .emotional oder sentimental, während die Vernunft als männliche Errungenschaft erscheint. In Bezug auf Tiere wie Frauen wurde versucht, einen Unterschied zum Menschen bzw. zum Mann biologisch zu fundieren. So schrieb noch 1907 der Arzt und Psychiater Paul Julius Möbius:

„Der Instinkt nun macht das Weib tierähnlich, unselbständig, sicher und heiter (…) Mit dieser Tierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigenschaften zusammen. Zunächst der Mangel eignen Urteils (…) Wie die Tiere seit undenklichen Zeiten immer dasselbe tun, so würde auch das menschliche Geschlecht, wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzustand geblieben sein. Aller Fortschritt geht vom Manne aus.“7

Die Verknüpfung von Frauen und Tie­ren in ihrer Rolle als Beherrschte wird besonders deutlich in einer bestimm­ten Überlappung kultureller Bilder: In der Sexualisierung von (zum Verzehr bestimmten) Tieren und der „Ver­fleischlichung“ von Frauen. (nächste Seite)

4 Gedanken zu „Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus

  1. Zu Fußnote 12: Mein Eindruck ist, in der (politischen) Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung ist das Geschlechterverhältnis recht ausgewogen. Im Tierschutz hingegen, sind überwiegend Frauen. Wie es in der “Hauptsache für die Tiere” Fraktion aussieht, weiß ich nicht. Die meisten theoretischen Texte und Bücher stammen hingegen wieder von Männern.

  2. Vielen Dank für diesen durchdenkenswerten Artikel und die plastischen Beispiele. Mir hat die Tragweite der herausgearbeiteten Zusammenhänge und das Gedankenexperiment die Augen geöffnet, obwohl ich bereits für die Thematik sensibilisiert war.

    Die Parallelen von Speziesismus zu Sexismus und anderen Diskriminierungsformen zeigen sich nicht nur in ihrer selbstverständlichen Allgegenwart und der Form ihrer Präsentation, sondern auch in den Verteidigungsmechanismen und -argumenten.

    Das alles basiert meiner Ansicht nach auf einer grundsätzlichen hierarchischen Wahrnehmung dessen, wer wieviel wert ist, und wer somit welche Rechte und welche Rolle einzunehmen hat. Die einzelnen Diskriminierungsformen (Sexismus, Speziesismus, Rassismus,…) sind aus meiner Sicht alle Ausdruck dieser indoktrinierten Selbstverständlichkeit. Dort gilt es anzusetzen. Da nichtmenschliche Tiere oft als das schwächste Glied in dieser Kette fungieren (wenngleich auch hier weiter unterteilt wird), sind gerade Gedanken und Debatten über Tierrechte ein sehr guter Gradmesser dafür, wie tief eine diskriminierende Grundhaltung in der Gesellschaft und in einem selbst verankert ist.

    Der erste Schritt heraus wäre der ehrliche Dialog darüber, der insbesondere auch in einem selbst stattfinden sollte. Ich gehe davon aus, dass kein Mensch frei ist von unbewussten Mustern, die Teil der Gesellschaft sind, in der er hineinsozialisiert wurde – und sei er noch so reflektiert. Erst das Bewusstmachen solcher internalisierten Ansichten befähigt überhaupt zu der Entscheidungsfreiheit, eine eigene Haltung einzunehmen und selbstbestimmt zu handeln. Leider greift hier häufig eine weitere gesellschaftliche Prägung, nämlich die, dass es oft als Schande erlebt wird, Fehler zu machen, statt dies als natürlichen Teil eines stetigen Werdungsprozess anzusehen. Dadurch fällt es oftmals schwer, sich diese Fehler einzugestehen, geschweige denn, sogar dafür einzustehen und Dinge zu verändern. Wir haben es mit einer Kultur des Leugnens und Trivialisierens von Fehlern zu tun.

    Es ist allerdings gut möglich, dass die nicht verurteilende analytische Art des Artikels teilweise auf die Lesenden überspringt und dabei hilft, die genannten Strukturen zu durchbrechen.

    Ganz vielen Dank!

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