Wissenschaftlich bestätigt: Elendes Schweineleben

Bild von Schwein

Eigentlich ist ja alles offenkundig und längst bekannt: Für intelligente, neugierige Tiere mit empfindlichen Nasen und komplexen Verhaltensbedürfnissen sind die Haltungsbedingungen in der Schweinemast grausam und schrecklich.

Trotzdem wird ständig von Seiten der Tierindustrie behauptet, den Schweinen ginge es gut, ihre Gesundheit sei im Eigeninteresse des Betriebs, der Spaltenboden sei toll für sie und mit dem vorgeschriebenen Spielzeug könnten sie sich in den kargen vollgekoteten Buchten prima amüsieren.

Gleichzeitig wird gerne betont, die Einwände von Tierschutz- und Tierrechtsseite seien unsachlich, emotionsbasiert und nicht wissenschaftlich. All das ist Quatsch. Abgesehen davon, dass schon ein rudimentäres Verständnis davon, was Schweine für Tiere sind, ausreicht, um die Bedingungen bei der einfachen Anschauung als furchtbar zu erkennen – die von der Industrie so hoch gelobte Wissenschaft bestätigt selbst immer wieder, wie elend das Schweineleben ist.

Eine aktuelle Studie der Universität Göttingen hat zum Beispiel den Zusammenhang von Bestandsgröße eines Betriebes und dem „Tierwohl“ untersucht. Die Motivation war es, die öffentliche Schelte der „Massentierhaltung“ einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Tatsächlich bestätigt das Ergebnis ein wichtiges Mantra der Tierindustrie: Dass die Bestandsgröße und die Gruppengröße auf das Wohlbefinden der Schweine nur wenig Einfluss hat. Die Agrarzeitschrift top agrar hebt freudig genau dieses Ergebnis hervor. Dabei ist der Grund dafür schlicht und ergreifend, dass es allen Tieren in der konventionellen Schweinemast – sei es in Betrieben mit ein paar hundert oder ein paar tausend Schweinen – richtig dreckig geht.

Das ist wohl nicht dazu geeignet, die Kritik an der „Massentierhaltung“ zu beheben. Denn Gegenstand der Kritik ist dabei so gut wie nie nur die bloße Größe des Betriebs, sondern natürlich auch die Art der Haltung in intensiven Produktionssystemen. Auch die Tierschützer*innen fordern typischerweise keine bloße Reduktion der Bestands- oder Gruppengrößen, sondern substantielle Veränderungen der Lebensbedingungen. Aus Tierrechts- und Tierbefreiungsperspektive belegt die Studie einmal mehr, dass nicht nur einzelne, zum Beispiel besonders große oder schlecht geführte Betriebe das Problem sind, sondern dass die Schweinemast systematisch schrecklich ist.

Jetzt aber zu der Göttinger Studie. Von der Autorin Sophie Meyer-Hamme wurden 60 Betriebe untersucht und dabei das „Tierwohl“ mithilfe des so genannten „Welfare-Quality-Protokoll“ (WQP) gemessen – das natürlich in seiner ganzen Ausrichtung auf Wohlbefinden unter Haltungsbedingungen schon problematisch ist. Entsprechend seltsam ist die Punktvergabe, die anhand verschiedener Grundsätze und Kriterien erfolgt. Das WQP definiert vier Grundsätze, die für das Tierwohl wichtig sein sollen: gute Fütterung, gute Haltung (das meint so etwas wie Unterbringung, darunter fällt z. B. die Bodenbeschaffenheit), gute Gesundheit und artgemäßes Tierverhalten. Für das Kriterium Bewegungsfreiheit unter „Haltung“ wurden von der Autorin der Studie 72 von 100 Punkten vergeben, obwohl die Schweine im Schnitt 0,83 qm zur Verfügung haben … Da fragt man sich schon, was mit Bewegungsfreiheit eigentlich noch gemeint sein kann. Ist es einfach die Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben? Da werde ich nochmal nachhaken. Statt die Punktvergabe anzuschauen, lohnt sich aber eine Betrachtung der einzelnen inhaltlichen Befunde. Dabei ist mitzudenken, dass es sich um angekündigte Besuche bei freiwillig teilnehmenden Betrieben handelte.

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  • 35 Prozent der Schweine hatten Schleimbeutelentzündungen der Gelenke. Die kommen vom einstreulosen Betonboden; die Spalten erhöhen das Risiko. Solche Entzündungen sind natürlich schmerzhaft. (Hier denke ich gerne an die Aussagen zum Beispiel vom Bauernverband Schleswig-Holstein, dass der Spaltenboden eigentlich eine Tierschutzmaßnahme sei, siehe hier unter „Umdeuten“)
  • Futter hatten die Schweine immer genug (kein Wunder, sie werden gemästet), allerdings war die Wasserversorgung häufig unzureichend, in einigen Fällen gab es gar kein Wasser für die Tiere, sondern nur Flüssigfutter. (Das ist interessant, weil Tierhalter*innen gerne Leute auslachen, die behaupten, die Tiere würden nicht genug Wasser haben. Es macht übrigens ökonomisch Sinn, da wenig Wasser erstens die Güllemenge reduziert und zweitens dazu führt, dass auch kranke Schweine noch zunehmen, die bei ausreichend Wasser nur trinken und nicht mehr fressen würden.)
  • Bei fast zwei Dritteln der Betriebe gab es nur Flüssigfutter, das schnell verzehrt wird. Die Autorin schreibt: „Ein positiver Beschäftigungseffekt durch Futtersuche und -aufnahme entfällt.“
  • Die klimatischen Bedingungen (Stalltemperatur, Luftführung) wurden als sehr gut bewertet. Gleichwohl hatten 4,2 Prozenzt (bei kleinen Betrieben) bzw. über 10 Prozent der Tiere (bei größeren Betrieben) zum Zeitpunkt der Schlachtung veränderte Lungen, und das obwohl sie ja noch im Teenageralter geschlachtet werden.
  • Viele Tiere waren „verschmutzt“, d.h. mit Kot beschmiert. Bei den kleinen Betrieben 11, bei den großen 21 Prozent.
  • Platzangebot: „Unter Rückgriff auf die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (2006) waren 40% der Buchten überbelegt. Überbelegte Buchten wurden auf 92% der Betriebe dokumentiert.“ (Und dabei muss man bedenken, wie absurd niedrig schon die gesetzlichen Platzvorschriften sind!)
  • 11 % der Schweine waren verwundet, häufig durch Kämpfe untereinander. die wiederum auch darauf zurückgehen, dass ein Zurückziehen und angemessenes Sozialverhalten unter den Bedingungen nicht möglich ist.
  • Eine adäquate Beurteilung der Gesundheit ist allerdings kaum möglich, wie die Autorin selbst einräumt, da die Krankenabteile nicht in die Studie einbezogen wurden.
  • Verhalten: Die Autorin kommt zum Schluss, dass „die Ausübung von arttypischen Verhaltensweisen unter konventionellen Bedingungen nicht ausreichend gelebt werden kann“.
  • Das wird vor allem mit dem fehlenden Erkundungsverhalten begründet. „Obwohl alle Buchten mit Spielmaterial ausgestattet waren, haben sich nur wenige Schweine mit diesem beschäftigt (unter 3%). Dies lässt schlussfolgern, dass das in konventionellen Haltungssystemen üblicherweise eingesetzte Beschäftigungsmaterial (Kugeln, Kunststoffelemente) nicht ausreichend interessant für die Schweine zu sein scheint“. (Hierbei denke ich gern daran, was zum Beispiel die Agrarstudis von „Massentierhaltung aufgedeckt“ über das Spielzeug im Stall sagen: „Die Schweine können in den Schweineställen ihren Beschäftigungstrieb […] ausleben. Aus dem Grund hängen in den Buchten veränderbare Spielmaterialien, das die Schweine bewegen und bekauen können.“)

Die Gesamtbewertung der Studienautorin lautet:

Bezüglich der Einstufung der Betriebe hinsichtlich ihres Tierwohl-Niveaus ist die Gesamtsituation nach dem Welfare Quality® Protokoll als unbefriedigend einzustufen.

Bemerkenswert ist, dass sich diese Beurteilung ergibt, obwohl rein in Begriffen und Maßeinheiten einer grundsätzlich nutztierhaltungsfreundlichen Agrarwissenschaft gearbeitet wurde. Aspekte wie die vollständige Fremdbestimmung der Schweine oder die frühe Tötung sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Wie viele Gründe braucht es noch, dass die Schweinemast abgeschafft gehört?

Quellen:

  • Artikel „Tierwohl hängt nicht von der Bestandsgröße ab!“ in top agrar 7/2016, S. S22-S24.
  • Dissertation „Zusammenhang zwischen Bestands-, Gruppengröße und Indikatoren  des Tierwohls in der konventionellen Schweinemast“ (2016), herunterzuladen hier.
  • Bilder: ARIWA

3 Gedanken zu „Wissenschaftlich bestätigt: Elendes Schweineleben

  1. Ja was soll man dazu noch sagen, Gesetz hin oder her es ist immer noch nicht besser für die Tiere egal ob Schwein, Rind oder Huhn und es wird sich daran auch leider nie was andern. Man kann soviele Unterschriften sammeln wie man will, bringt das was, glaube NEIN ! Und das ist das schlimme daran. Der MENSCH ist so grausam !

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