ZDF-Doku ‚Aus Liebe zum Tier‘: Stellungnahme eines portraitierten Aktivisten

Vor einigen Tagen sendete das ZDF eine Dokumentation über die Tierrechtsbewegung, an der es schon viel Kritik gab. Den folgende Text hat einer der portraitierten Aktivisten, Philipp, als Kommentar auf der ZDF-Facebookseite veröffentlicht. Philipps individuelle Grammatik wurde im Folgenden normalisiert und eine Namensnennung entfernt, ansonsten wurde nichts verändert.

Ich poste den Text hier, weil ich ihn relevant und lesenwert finde und einige der Kritikpunkte teile. Auch denke ich, dass eine Person, die in dem Film eine Rolle spielt, aber nur kurz zu Wort kommt, mit ihrer eigenen Sichtweise auf den Film gehört werden sollte. Ich selbst finde auch vieles an der Dokumentation positiv erwähnenswert und werde voraussichtlich in den nächsten Tagen noch einen eigenen Beitrag dazu posten.

Die unkritische Theorie der Mainzer Schule

Das Hauptthema der Dokumentation waren also mal wieder die Militanz, die vermeintliche Gewalttätigkeit und die so genannte Kriminalität der Tierrechtsbewegung. Das zeichnete sich zunächst bereits ab durch die Wahl des Sendungstitels („[…] Wie weit dürfen Aktivisten gehen?“) und die Ausrichtung der Ankündigungstexte, wurde dann umgesetzt durch die Auswahl der gesendeten Interviewbeiträge und Verweise auf Statistiken und Aussagen der deutschen und britischen Polizei, und gipfelte schließlich in dem nebulösen Schlussstatement: „Der Philosoph sagt uns noch, dass Veränderungen ihre Zeit brauchen. Einigen dauert das wohl zu lange. Sie gehen zu weit – aus Liebe zum Tier.“ Welche Leute mit welchem Handeln aus welchen Gründen zu weit gegangen sein sollen, wird nicht so wirklich gesagt. Hauptsache scheint zu sein, dass der Öffentlichkeit mal wieder klargemacht wird, dass es böse Tierrechtler*innen gibt.

Als der Kontakt zwischen mir und Michael Strompen zu Stande kam, wurde mir suggeriert, es solle eine Dokumentation über die Tierrechtsbewegung produziert werden, ihre Ideen, die Ziele, die Methoden, verschiedenen Aktionsfelder und Gruppen sowie Repression. Das klang deutlich vielfältiger, als das, was das ZDF schließlich daraus gemacht hat.

Die Dokumentation stellt drei ganz verschiedene Personengruppen vor, die auf sehr unterschiedliche Weisen unter den Einwirkungen durch andere leiden:

  • Nicht-Menschen (Schwerpunkt: Hühner)
  • Tierausbeuter*innen (Schwerpunkt: Mäster*innen, Vivisektor*innen, Lederwarenhändler*innen)
  • Aktivistis.

Durch den Filmbeitrag von Animal Equality über die Recherche in der Hühnerfabrik, wo so genannte Bio-Eier produziert werden, sowie durch die Schilderungen mehrerer Aktivistis über die Motivationen ihres Handelns, wird bezüglich der ersten Personengruppe der Nicht-Menschen etwas erfüllt, was als „Bedingung aller Wahrheit“: „das Leiden beredt werden lassen“i betrachtet werden kann.

Wenn schon die Gewaltfrage in den Vordergrund gerückt wird, ist es natürlich auch wichtig, die Situation der Tierausbeuter*innen zu beleuchten. Die haben zwar in aller Regel viel bessere finanzielle und infrastrukturelle Möglichkeiten, von sich hören zu lassen, als dies der Fall bei den anderen beiden Personengruppen ist; aber es ist auch sinnvoll, nicht immer nur ihre Lobbyverbände labern zu lassen, sondern hin und wieder auch zu dokumentieren, dass die einzelnen Ausbeuter*innen selbst ebenso keine guten, ethisch haltbaren Argumente für ihr Handeln haben. Außerdem machen ihre Aussagen deutlich, um welche Formen von Beeinträchtigungen es bei den Aktionen geht, die sich gegen ihre Betriebe richten: Die Beeinträchtigungen sind meistens gering und in den allermeisten Fällen mit wenig bis gar keiner Gewalt verbunden.

Verzerrt wird das Gesamtbild letztendlich durch die geringfügige Erwähnung des Leids und der Gewalt, welches den Aktivistis angetan wird, obwohl Michael Strompen mir zu Anfang suggerierte, dass das Hauptthema meines Dokuteils die Repression sei. Diesbezüglich nennt der Film die Razzien und Haftstrafen gegen die SHAC-Leute, die „Peanuts“ii-Bannmeile gegen Edmund Haferbeck (PeTA) sowie Gerichtsprozesse, Geldstrafen, Telefonüberwachungen und den Spitzel-Einsatz gegen den Widerstand gegen die Fleischindustrie. Jedoch ist die diesbezüglich einzige Kritik, die mir aufgefallen ist, die Verwendung des Adjektivs „drakonisch“iii in Bezug auf die vielen langen Knaststrafen der SHAC-Leute. Alles andere wird nicht weiter erläutert oder kommentiert.

Dabei sind Gerichtsprozesse als Androhung von Strafe und die Strafen selbst immer Gewalt. Muss Gewalt etwa nicht weiter thematisiert werden, wenn sie monopolisiert ist und ständig geschieht, wie die Staatsgewalt? Und gehen die Doku-Macher*innen etwa davon aus, dass die Zuschauenden bereits wissen, was Überwachung für die Betroffenen bedeutet? Und, wenn der Lederwarenhändleriv und der britische Polizist Andrew Robbinsv bei Glasbruch und Feuer von Schikane, Gefährlichkeit und sogar Terror sprechen dürfen, wieso erfahren die Zuschauenden dann nicht auch etwas über die häufigen Schläge und Tritte von Seiten der Polizei und Justiz im Rahmen von zum Beispiel Demonstrationen, Blockaden oder Gerichtsprozessen oder von Seiten der Mäster*innen bei Besetzungen oder Begegnungen? Oder darüber, dass es immer mal wieder auch vorkommt, dass Leute für mehrere Stunden, Tage oder gar Wochen weggesperrt und damit ihrer Freiheit beraubt werden?

Auch außerhalb dieser soeben abgehandelten konkreten Gewaltfrage zeigt sich das ZDF-Team unkritisch gegenüber den strukturellen Gewalt- und Herrschaftverhältnissen, indem sie sich neutral bis positiv auf die Konzepte Gesetz und Straftat beziehen. Deren Ausprägungen dienen in der hiesigen, aktuellen Gesellschaft bekanntermaßen vor allem den Kapitalinteressen. Vor dem Hintergrund der Militanz-Fokussierung kann dann die Nennung der BKA-Zahlenvi mit der dazu gehörenden Landkarte leicht zu der indirekt wahrgenommenen Botschaft führen: Tierschützer begehen ganz viele Straftaten und Straftaten sind böse, also sind ganz viele Tierschützer böse oder die Tierschützer sind insgesamt viel / oft / sehr böse. Dass eine scheiß Gesellschaft nun mal scheiß Gesetze hat, die übertreten und abgeschafft werden müssen, kann mensch zwar auch durch eigene Analyse realisieren. Aber wenn ein mit viel Zeit, Geld und Kontaktpersonen ausgestattetes Fernsehteam schon mal so eine Dokumentation macht, hat es auch die Pflicht, den analytischen, gesellschaftskritischen Blick zu schärfen. Im konkreten Fall wären zunächst mal klare Definitionen und darauf aufbauend qualifizierte Unterscheidungen von sogenannten Straftaten erforderlich, so genanntem zivilem Ungehorsam, Militanz, Gewalt und sozial nicht vertretbarem Verhalten. Dass das Doku-Team durchaus in der Lage dazu ist, eine kritische Distanz zu Begriffen einzunehmen, beweisen sie übrigens ausgerechnet, indem sie von der „sogenannten Tierausbeutung“ sprechenvii. Was für Brillen tragen eigentlich Leute, die sogenannte Straftaten ganz scharf erkennen und in die Nähe des Zu-weit-Gehens rücken können, aber sich nicht sicher sind, ob das, was in den Tieranlagen passiert, Ausbeutung ist?

Noch zwei Fragen.

  1. Wieso wird die Person, welche wird bezüglich der Grab-Aktion in England interviewt, den „Täterkreise[n] von damals“viii zugerechnet? Ist etwa öffentlich bekannt, wer die Aktion gemacht hat? Die Person selbst sagt jedenfalls (laut Übersetzungsstimme): „Sie haben ja niemanden umgebracht“ix, anstatt zu sprechen von „wir“ oder „ich“.
  2. Dass mein voller offizieller Name genannt wird, war nicht abgemacht. Ich wollte mit dem Namen Philipp genannt werden. Wieso wird sich bei dem Mäster („Bauer Jürgen“) und dem Inhaber des Pelzgeschäftes daran gehalten und bei mir nicht?

i „Leiden beredt werden lassen ist Bedingung aller Wahrheit“ ist ein Zitat, welches Theodor Adorno zugeschrieben wird, glaube ich.

iiZitat von Edmund Haferbeck (PeTA) selbst (26:03 Min.:Sek.)

iii13:46 Min.:Sek.

iv22:44 Min.:Sek.

v14:14 Min.:Sek. Ich kann das Wort Terror nur hören von der Übersetzungsstimme, nicht jedoch vom Bullen.

vi26:48 Min.:Sek.

vii22:38 Min.:Sek.

viii12:07 Min.:Sek.

ix12:34 Min.:Sek.

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