Nervige VeganerInnen (Leserbrief)

Im aktuellen SPIEGEL ist ein Artikel mit dem Titel “Die Besser-Essis”, Autor Carsten Holm, dessen Anfang so lautet:

(Der komplette Text ist hier: Link)

Guten Tag Herr Holm,

ich freue mich über Ihren Artikel, da Sie viele positive Aspekte der veganen Lebensweise darstellen, viele verschiedene Persönlichkeiten zu Wort kommen lassen und sogar ein paar der zentralen Gründe für die vegane Lebensweise nachvollziehbar darstellen.

Geärgert habe ich mich aber sehr über den Anfang des Artikels, weil Sie da — wie die meisten Leute, die über Veganismus schreiben — wieder einmal die abgegriffensten Klischees wiederkäuen.

Meiner Einschätzung nach hat sich an den VeganerInnen in den letzten Jahren vor allem eins geändert: dass sie mehr geworden sind. Das führt dazu, dass viele Menschen mittlerweile die Gelegenheit bekommen haben, mit einer Veganerin oder einem Veganer auch mal zu sprechen, und desto schwerer wird es, die Klischees von ihnen aufrechtzuerhalten. Zumal natürlich durch die größere Anzahl auch die Vielfältigkeit größer geworden ist: es gibt eben solche und solche. In allen Bereichen gibt es Leute, die gern diskutieren und versuchen, andere für ihre Sache zu gewinnen — wenn man gute Gründe für eine Lebensweise hat, finde ich das auch recht natürlich. Es gibt auch immer Leute, die lieber durch Vorleben begeistern oder denen es gar nicht wichtig ist, ob andere sich auch so verhalten wie sie.

Was nun die “Nervensägen” angeht und das, was Sie als deren nerviges Verhalten betrachten, so würd ich Sie gern fragen: Haben Sie schonmal daran gedacht, dass diese Leute “Leichenteile” und “Individuum” sagen, nicht um anderen den Appetit zu verderben, sondern weil das ihrer Sicht der Dinge entspricht und sie einfach keine Lust mehr haben, darum herum zu reden? Dass ihnen Abscheu und Empörung nicht “wichtig sind”, wie Sie schreiben, sondern dass sie Abscheu und Empörung möglicherweise tatsächlich oft empfinden — und übrigens viel seltener zeigen –, weil sie eben bei so vielen Produkten, von denen wir täglich umgeben sind, das Tierleid dahinter sehen?

Eine wichtige Rolle spielt für die Haltung der “Nervensägen” mit Sicherheit, dass sie oft mehr über die betreffenden Produkte wissen und bei Wolle z. B. an das in Australien verbreitete Mulesing denken: Schafen wird die komplette Haut rund um den After (natürlich ohne Betäubung) abgeschnitten, um damit einen Parasitenbefall zu bekämpfen, für den die Schafe aufgrund der Überzüchtung anfällig sind.
Dass Milch und Eier mit Grausamkeit verbunden sind, wird ja langsam bekannt, auch Sie nennen die Gründe. Vor kurzem wollte das keiner glauben; nun wird das Spiel mit Wolle, Honig etc. weitergespielt, obwohl eigentlich klar sein könnte, dass die Interessen von Tieren ziemlich automatisch missachtet werden, sobald sie als Waren oder Instrumente zur Herstellung von Produkten angesehen werden.
Die Abscheu vor Wolle führt meines Erachtens übrigens selten zu “Verachtung” für Menschen, die Wollpullover tragen (wie kommen Sie darauf?), wohl aber zu Unverständnis und Wut in Anbetracht einer Welt, in der es normal ist, empfindungsfähige Lebewesen zu quälen und auszubeuten. Doch auch diese Wut wird viel seltener gezeigt, als sie vorhanden ist, denke ich.
Haben Sie sich schonmal die Mühe gemacht, die Sichtweise und das Empfinden der “Nervensägen” nachzuvollziehen? Bitte tun Sie das doch mal. Man nennt es Empathie. Dafür müssen Sie die betreffende Sichtweise nicht übernehmen, aber Sie wären sicher besser in der Lage, sie zu verstehen und vorurteilsärmer zu beurteilen.

Mit freundlichen Grüßen …

5 Kommentare

  1. Schöner Blog 🙂 Zu diesem Spiegelartikel habe ich mich neulich auch geäußert… Unfassbar, dass noch immer solche Schriftstücke die Runde machen.

  2. Ich habe mich zunächst auch sehr über den Anfang gewundert, ja auch geärgert. Trotzdem möchte ich Herrn Holm mal “in Schutz nehmen”. Jeder Journalist hat ja das Ziel, dass seine Artikel gelesen werden. Zwar gibt es schon viele Veganer, aber die Mehrheit – und damit auch die Mehrheit der Spiegelleser – sind vermutlich weder Veganer noch Vegetarier. Ich glaube, dass er diese abgedroschenen Klischees als Mittel benutzt hat, die Leute dazu zu bekommen, den Artikel zu lesen. Das funktioniert ganz einfach: Erst einmal sagst du den Leuten, was sie hören wollen. Wenn du dann ihre Aufmerksamkeit hast, kannst du sie vom Gegenteil überzeugen.

    Herr Holm hat den Artikel ja nicht für Veganer geschrieben. Denen dürfte da nichts neu sein. Es geht um jene, die sich dem Veganismus bisher eher abwendeten.

  3. Danke für den Leserbrief, das waren auch meine Gedanken! Und ein großes Lob außerdem für den Auftritt in “Scobel”; es ist sehr schön, wenn wichtige Argumente für die vegane Lebensweise so überzeugend, rational und souverän vorgetragen werden. Vielen Dank!

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