Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus

3. Sexismus, Antisexismus und die Tierbefreiungsbewegung

Brian Luke weist in seinem Buch „Bru­tal. Manhood and the Exploitation of Animals“ darauf hin, dass die Institu­tionen der Tierausbeutung primär von Männern (Bauern, Schlachter, Jäger, Vivisektoren) repräsentiert werden, die Tierbewegung dagegen vor allem aus Frauen bestünde.12

Luke fordert uns auf, uns vorzustellen, es sei andersherum: fast alle Jäger*innen wä­ren Frauen, fast als Vivisekor*innen, fast alle Schlachter*innen usw. Dage­gen würden auf Demos gegen Tierver­suche oder gegen Fleisch vor allem Männer auftreten und ihre männlichen Gefühle zum Ausdruck bringen. Die Seltsamkeit, mit der diese Vorstellung einhergeht, sei ein Gradmesser für die Verschränktheit von Sexismus und Speziesismus.

Für diese Ungleichverteilung gibt es verschiedene Erklärungen: Frauen ha­ben besseren Zugang zu ihren Gefüh­len (aufgrund gesellschaftlicher Erwar­tungen), Frauen haben mehr mit Haus­tieren zu tun, aber auch: Frauen wer­den in der patriarchalen Gesellschaft auf ähnliche Weisen unterdrückt wie Tiere.
In dem genannten Buch untersucht Luke die Konstruktion von Männlich­keit durch kulturelle Bilder von Jagd und Tiertötung. Er meint auch, dass obwohl das meiste Fleisch, das geges­sen wird, nicht mehr gejagt ist, das Bild der Jagd doch die kulturelle Be­deutung von Fleischessen prägt.
Männlichkeit wird seiner Ansicht nach im Gegensatz zu Weiblichkeit über Herrschaft definiert – besonders leicht real und symbolisch ausgedrückt durch die Beherrschung, Ausbeutung und Tötung von nichtmenschlichen Tieren. Demnach greift man automa­tisch die sexistische, patriarchale Ge­sellschaftsordnung an, wenn man Tier­ausbeutung angreift: Männlichkeit müsste völlig neu definiert werden, wenn sie wegfallen würde! Luke schreibt:

“In diesem Sinne ist der Kampf für Tierbefreiung auch ein Kampf gegen eine Männlichkeit, die durch Sexismus definiert ist.”13

Luke beschäftigt sich im hinteren Teil des Buches mit der Tierbefreiungsbe­wegung, um zu klären, inwieweit dar­in die Gender-Spezifika der Tieraus­beutung einbezogen werden. Seiner Ansicht nach fehlt es da an Sensibilität für diese Phänomene. Normal sei, dass das Tierbefreiungsanliegen als unab­hängig von Genderfragen- und ver­hältnissen dargestellt werde, was es aus genannten Gründen nicht sei. Aber Luke stellt auch bestimmte Formen von Sexismus innerhalb der Bewegung fest.
Die erste Form ist relativ offensichtlich: Werbung gegen Tierausbeutung, die mit denselben Bildern und Metaphern spielt und diese dadurch bestätigt.

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In Bezug auf PETA gibt Luke übrigens eine interessante These von Adams wieder: PETA betreibt bekanntlich Tierschutz- und Tierrechtsarbeit mit einer single-issue-Strategie, d. h. sie kümmert sich nur um dieses Thema und bezieht andere gesellschaftliche Ungerechtigkeiten nicht mit ein. Luke und Adams meinen nun, PETA müsse letztlich sexistisch sein, um dieser single-issue-Strategie gerecht zu wer­den: sie müssen quasi den Schaden, den sie dem sexistischen Weltbild zufügen, indem sie für Tiere eintreten, wieder reparieren.14

Die zweite Form von Sexismus in der Tierbefreiungsbewegung, auf die Luke hinweist, ist etwas subtiler. Sie kommt dadurch zustande, dass die hohe An­zahl von Aktivistinnen und insgesamt ein ‚weibliches Image’ der Bewegung als PR-Problem für diese wahrgenom­men werden. Wer sich für Tiere einsetzt, wird nicht ernst genommen und als sentimental, unsachlich, irrational dargestellt.15

Dagegen haben insbesondere die aka­demischen Philosophen der Tierethik versucht, die Tierbefreiungsposition intellektuell respektabel zu machen, in­dem sie sie als rational begründet er­weisen wollten. Peter Singer und Tom Regan – deren wichtige Rolle für die Bewegung bei aller Kritik, die insbe­sondere an Singer berechtigt ist, nicht geleugnet werden sollte – distanzieren sich explizit von „animal lovers“ und wollen zeigen, dass die Verteidigung der Tiere nicht nur eine Sache von „kleinen alten Damen in Tennisschuhen“ sei – dieses Bild früher Vegetarierinnen wird von mehreren Theoretikern benutzt.16

Entsprechend werden Mitleid, Fürsor­ge und Gefühle überhaupt als schlechte Gründe für eine Tierrechts­position angesehen. Stattdessen wird eine rationale Ethik verteidigt, die sich nicht auf Gefühle (wie Mitleid) stützt, weil diese immer unverlässlich seien.17 Dahinter steht Luke zufolge auch eine patriarchale Konzeption der Rolle von Ethik: Die Idee sei, dass Menschen quasi von Natur aus, von ihrer Trieb­natur her dazu geneigt seien, Tiere zu quälen und auszubeuten. Diese Nei­gungen müssten durch die Vernunft – in Form einer rational begründeten tie­rethischen Theorie – unter Kontrolle gebracht und gehalten werden. Damit würden freilich die alten Dichotomien von Vernunft und Gefühl wiederholt.
Luke behauptet dagegen, dass alle Menschen ‚von Natur aus’ eigentlich mit Tieren mitfühlen: Diese Mitgefühl würde zur Zeit von von der tieraus­beutenden Industrie durch verschiede­ne Mechanismen unterdrückt – es sei so verlässlich, dass alle diese Industri­en sorgfältige Vorkehrungen treffen, um es nicht wirksam werden zu lassen.18

Die Aufgabe der Ethik sollte in dieser Situation Luke zufolge nicht sein, ir­gendwelche Neigungen zu kontrollie­ren, sondern im Gegenteil die Men­schen wieder dazu zu befähigen, aus ihrem naturgegebenen Mitleid heraus zu handeln. Die wahre Tierbefreiungsethik sei auch für Menschen befreiend, nicht restriktiv. Mitgefühl, Mitleid, „caring“ müssten als angemessene Reaktion auf die Tierausbeutung anerkannt werden.

Eine Gefahr gilt es aber dabei allerdings im Auge zu behalten: Mitleid kann auch als Teil der patriarchalen Herrschatfsstruktur funktionieren: so sieht Luke den Tierschutz.
Um Tierausbeutung zu beenden, müs­sen wir daher all diese Verschränkun­gen mit berücksichtigen: d. h. letztlich, wir müssen die Männlichkeit angrei­fen, wie sie im Sexismus mittels der Beherrschung von anderen konstruiert wurde.

Adams, Carol (2003): The Pornography of Meat, New York: Continuum.
Adams, Carol (2010): The Sexual Politics of Meat, New York: Continuum.
Luke, Brian (2007): Brutal Manhood and the Exploitation of Animals, Urbana and Chicago: University of Illinois Press.
Mütherich, Birgit: Die Konstruktion des Anderen: Zur soziologischen Frage nach dem Tier. (http://www.theopenunderground.de/@pdf/nurse/natu/SozialeKonstruktiondesAnderen.pdf)

  1. Siehe Adams 2010, S. 51 [zurück]
  2. Vgl. Adams 2010., S. 51 [zurück]
  3. Nur dass hier keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich brauchen weder Männer noch Frauen tierliches Eiweiss für eine gesunde Ernährung. Es wird erstens nur fälschlicherweise als besonders wertvoll angesehen (ist in Wahrheit ja sogar ungesund), zweitens hat es natürlich dann tatsächlich einen Wert, wenn die Nahrungsversorgung schlecht ist — einfach weil dann alles einen Wert hat, das satt macht und ein paar Nährstoffe enthält. Natürlich können Menschen aber auch gerade dadurch unterernährt sein, dass Ressourcen zur Herstellung oder Erwerb von Fleisch eingesetzt werden, die besser für pflanzliche Nahrungsmittel verwendet werden könnten. [zurück]
  4. http://www.wfp.org/hunger/who-are [zurück]
  5. http://www.mri.bund.de/no_cache/de/institute/ernaehrungsverhalten/forschungsprojekte/die-nationale-verzehrsstudie-ii.html [zurück]
  6. http://www.theopenunderground.de/@pdf/nurse/natu/SozialeKonstruktiondesAnderen.pdf [zurück]
  7. Vgl. Mütherich. [zurück]
  8. Vgl. Adams 2010, S. 66 ff. [zurück]
  9. Adams 2010, S. 67. [zurück]
  10. Adams 2010, S. 68. [zurück]
  11. Adams 2010, S. 241 f. [zurück]
  12. Luke bezieht sich auf Studien aus den 90er Jahren in Amerika; heute und in Deutschland sieht das möglicherweise nur dann ähnlich aus, wenn man die gesamte Tierbewegung, d. h. inklusive Tierschützer*innen betrachtet, ich habe aber dazu keine Zahln. Siehe Luke 2007, S. 11. [zurück]
  13. Luke 2007, S. 23 [zurück]
  14. Luke 2007, S. 220; siehe Adams 2003, S. 169. [zurück]
  15. Diese Strategie der Diffamierung von Gegner*innen wird von zahlreichen Lobbies zur Durchsetzung politischer Interessen benutzt: dass Kritiker*innen von Massentierhaltung unsachlich seien, ist eine Standardbehauptung von TierausbeuterInnen; aber auch Gentechnik- und AtomkraftlobbyistInnen versuchen Gegner*innen mit dem Vorwurf der Irrationalität und Emotionalität zu schwächen. [zurück]
  16. Luke 2007, S. 212. [zurück]
  17. Luke 2007. S. 222 [zurück]
  18. Luke 2007, S. 224. [zurück]

4 Kommentare

  1. Zu Fußnote 12: Mein Eindruck ist, in der (politischen) Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung ist das Geschlechterverhältnis recht ausgewogen. Im Tierschutz hingegen, sind überwiegend Frauen. Wie es in der “Hauptsache für die Tiere” Fraktion aussieht, weiß ich nicht. Die meisten theoretischen Texte und Bücher stammen hingegen wieder von Männern.

  2. Vielen Dank für diesen durchdenkenswerten Artikel und die plastischen Beispiele. Mir hat die Tragweite der herausgearbeiteten Zusammenhänge und das Gedankenexperiment die Augen geöffnet, obwohl ich bereits für die Thematik sensibilisiert war.

    Die Parallelen von Speziesismus zu Sexismus und anderen Diskriminierungsformen zeigen sich nicht nur in ihrer selbstverständlichen Allgegenwart und der Form ihrer Präsentation, sondern auch in den Verteidigungsmechanismen und -argumenten.

    Das alles basiert meiner Ansicht nach auf einer grundsätzlichen hierarchischen Wahrnehmung dessen, wer wieviel wert ist, und wer somit welche Rechte und welche Rolle einzunehmen hat. Die einzelnen Diskriminierungsformen (Sexismus, Speziesismus, Rassismus,…) sind aus meiner Sicht alle Ausdruck dieser indoktrinierten Selbstverständlichkeit. Dort gilt es anzusetzen. Da nichtmenschliche Tiere oft als das schwächste Glied in dieser Kette fungieren (wenngleich auch hier weiter unterteilt wird), sind gerade Gedanken und Debatten über Tierrechte ein sehr guter Gradmesser dafür, wie tief eine diskriminierende Grundhaltung in der Gesellschaft und in einem selbst verankert ist.

    Der erste Schritt heraus wäre der ehrliche Dialog darüber, der insbesondere auch in einem selbst stattfinden sollte. Ich gehe davon aus, dass kein Mensch frei ist von unbewussten Mustern, die Teil der Gesellschaft sind, in der er hineinsozialisiert wurde – und sei er noch so reflektiert. Erst das Bewusstmachen solcher internalisierten Ansichten befähigt überhaupt zu der Entscheidungsfreiheit, eine eigene Haltung einzunehmen und selbstbestimmt zu handeln. Leider greift hier häufig eine weitere gesellschaftliche Prägung, nämlich die, dass es oft als Schande erlebt wird, Fehler zu machen, statt dies als natürlichen Teil eines stetigen Werdungsprozess anzusehen. Dadurch fällt es oftmals schwer, sich diese Fehler einzugestehen, geschweige denn, sogar dafür einzustehen und Dinge zu verändern. Wir haben es mit einer Kultur des Leugnens und Trivialisierens von Fehlern zu tun.

    Es ist allerdings gut möglich, dass die nicht verurteilende analytische Art des Artikels teilweise auf die Lesenden überspringt und dabei hilft, die genannten Strukturen zu durchbrechen.

    Ganz vielen Dank!

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