Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus

2. Sexualisierung von Tieren und „Verfleischlichung“ von Frauen

Tiere zu töten und Fleisch zu essen ge­hört zur sozial konstruierten Männlichkeit. In dieser ist außerdem ein bestimmtes Verhältnis von Männern und Frauen angelegt: Überlegenheit, Beherrschung und sexuelle Verfügbarkeit. Carol Adams These ist, dass die damit jeweils verbundenen Bilder auf komplexe Weise überlappen und wechselwirken. Sie erläutert das mithilfe des Begriffs des „Abwesenden Referenten“8. Der Ausdruck dient zur Beschreibung einer Beziehungs- und Verweisstruktur zwischen realen Dingen, Lebewesen und/oder Bedeutungen, Metaphern und Bildern. Dabei verweist immer etwas Sichtbares auf etwas Unsichtbares, welches damit zugleich anwesend und abwesend ist. Beispiele helfen, das zu erläutern:
Ein Stück Fleisch liegt auf einem Teller. Fleisch ist generell in unserer Gesellschaft etwas sehr Sichtbares – es ist überall anzutreffen. Adams zufolge verweist nun jedes Stück Fleisch auf das Tier, zu dessen Körper es ehemals gehört hat: Das Schwein ist der abwesende Referent zum Schnitzel auf dem Teller. Es ist insofern anwesend, als es gewissermaßen hinter dem „Produkt“ steht, das ohne seinen Tod nicht existieren würde. Es ist aber gleichzeitig abwesend, nicht nur insofern es tot ist, sondern auch, insofern Fleisch häufig extra so präsentiert wird, dass das Tier dahinter verschwindet: das Schwein und sein Tod werden absichtlich unsichtbar gemacht.

Noch auf andere Weise können Tiere abwesende Referenten sein: Wenn ein bestimmter, gewaltgeprägter Umgang mit Tieren als Metapher zur Beschrei­bung von Gewalterfahrungen dient, die Menschen machen: „Ich habe mich gefühlt wie ein Stück Fleisch.“ Insbe­sondere Opfer sexueller Gewalt brin­gen manchmal so ihre Erfahrungen zum Ausdruck. Niemand kann sich im wörtlichen Sinn fühlen wie ein Stück Fleisch. Das Schicksal von Tieren, die zu Fleisch gemacht werden, wird also in eine Metapher für die Existenz oder das Schicksal von jemand anderem verwandelt.9
Ein abwesender Referent kann all das werden, was um seine ursprüngliche Bedeutung gebracht wird, indem es in ein neues Bedeutungssystem eingespeist wird.
Mithilfe der Fleisch-Metaphorik drücken Frauen aus, dass sie sich als leblose Gegenstände behandelt fühlen, als Materie ohne Geist oder Bewusst­sein, als Produkte zum Gebrauch. Dazu passt, dass dieselbe Metaphorik auch diskriminierend gegen Frauen be­nutzt wird: Bordelle heißen „maisons d’abbatage“ – Schlachthaus; in Pornos kommen Tierhaltungsinstrumente vor – Ketten, Kuhtreiber, usw, Frauen wer­den als konsumierbares Fleisch darge­stellt.10

Frau als Fleisch

Wenn Feminist*innen bei der Kritik sexualisierter Gewalt dieselbe Bildlichkeit benutzen, bestätigen sie die Metapher: kritisiert wird, dass Frauen behandelt werden wie Tiere – wobei es als Normalität angesehen wird, dass Tiere so behandelt werden, solange die Realität hinter der Meta­pher nicht thematisiert wird. Auch das ist ein Aspekt der Struktur des abwe­senden Referenten: ein Gewaltverhält­nis wird stillschweigend akzeptiert, wenn es zur Darstellung eines anderen verwendet wird. Adams schreibt:

„Auch Feminist*innen machen sich die Metapher des Schlachtens zunutze, ohne die ursprüngliche Unter­drückung von Tieren zu würdigen, die die Kraft der Metapher erzeugt. Durch die Funktion des abwesenden Referen­ten wird in der westlichen Kultur fort­während die greifbare Realität der Ge­walt in kontrollierte und kontrollierba­re Metaphern verwandelt.“

Nun werden nicht nur Frauen „ver­fleischlicht“, d. h. als konsumierbare, tote Objekte dargestellt, sondern umgekehrt wird auch Fleisch sexualisiert: tote Tiere werden mit sexuellen Konnotationen präsentiert.
Chickens attraction

ich mach dich nackig

Was genau haben nun eigentlich Flei­schessen und Frauenunterdrücken ge­meinsam? Wieso gibt es diese Zusam­menhänge?
Adams zufolge gibt es einen Kreis von Verdinglichung, Zerteilung, Konsum (objectification, fragmentation, consumpti­on), durch den Schlachtung und sexu­elle Gewalt in unserer Kultur verbun­den sind. Es handelt sich also um sich überschneidende Unterdrückungsme­chanismen mit ähnlicher Struktur: nichtmenschliche Tiere und weiblich sozialisierte Menschen werden wört­lich oder metaphorisch besiegt, zerteilt, beherrscht, konsumiert, verdinglicht, zerstört.
Als Konsequenz fordert Adams eine vegan-feministische kritische Theorie und eine vegan-feministische Bewegung. Ihr zufolge ist schon der Vegetarismus als solcher eine Herausforderung der männlichen Dominanzstruktur:

„Das Essen von Tieren fungiert als ein Spiegel und eine Repräsentation patriarchaler Werte. Durch Fleischessen wird die männliche Macht bei jeder Mahlzeit erneut festge­schrieben. […] Wer selbstbestimmt und antipatriarchalisch ist, lebt klarerweise vegetarisch. Um den patriarchalen Konsum zu destabilisieren, müssen wir den pa­triarchalen Verzehr von Fleisch unter­brechen.“11

(nächste Seite: Sexismus, Antisexismus und die Tierbefreiungsbewegung)

4 Gedanken zu „Fleischlust und „Fleischeslust“, männliche Herrschaft und weibliches Mitleid, Tierbefreiung und Feminismus

  1. Zu Fußnote 12: Mein Eindruck ist, in der (politischen) Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung ist das Geschlechterverhältnis recht ausgewogen. Im Tierschutz hingegen, sind überwiegend Frauen. Wie es in der “Hauptsache für die Tiere” Fraktion aussieht, weiß ich nicht. Die meisten theoretischen Texte und Bücher stammen hingegen wieder von Männern.

  2. Vielen Dank für diesen durchdenkenswerten Artikel und die plastischen Beispiele. Mir hat die Tragweite der herausgearbeiteten Zusammenhänge und das Gedankenexperiment die Augen geöffnet, obwohl ich bereits für die Thematik sensibilisiert war.

    Die Parallelen von Speziesismus zu Sexismus und anderen Diskriminierungsformen zeigen sich nicht nur in ihrer selbstverständlichen Allgegenwart und der Form ihrer Präsentation, sondern auch in den Verteidigungsmechanismen und -argumenten.

    Das alles basiert meiner Ansicht nach auf einer grundsätzlichen hierarchischen Wahrnehmung dessen, wer wieviel wert ist, und wer somit welche Rechte und welche Rolle einzunehmen hat. Die einzelnen Diskriminierungsformen (Sexismus, Speziesismus, Rassismus,…) sind aus meiner Sicht alle Ausdruck dieser indoktrinierten Selbstverständlichkeit. Dort gilt es anzusetzen. Da nichtmenschliche Tiere oft als das schwächste Glied in dieser Kette fungieren (wenngleich auch hier weiter unterteilt wird), sind gerade Gedanken und Debatten über Tierrechte ein sehr guter Gradmesser dafür, wie tief eine diskriminierende Grundhaltung in der Gesellschaft und in einem selbst verankert ist.

    Der erste Schritt heraus wäre der ehrliche Dialog darüber, der insbesondere auch in einem selbst stattfinden sollte. Ich gehe davon aus, dass kein Mensch frei ist von unbewussten Mustern, die Teil der Gesellschaft sind, in der er hineinsozialisiert wurde – und sei er noch so reflektiert. Erst das Bewusstmachen solcher internalisierten Ansichten befähigt überhaupt zu der Entscheidungsfreiheit, eine eigene Haltung einzunehmen und selbstbestimmt zu handeln. Leider greift hier häufig eine weitere gesellschaftliche Prägung, nämlich die, dass es oft als Schande erlebt wird, Fehler zu machen, statt dies als natürlichen Teil eines stetigen Werdungsprozess anzusehen. Dadurch fällt es oftmals schwer, sich diese Fehler einzugestehen, geschweige denn, sogar dafür einzustehen und Dinge zu verändern. Wir haben es mit einer Kultur des Leugnens und Trivialisierens von Fehlern zu tun.

    Es ist allerdings gut möglich, dass die nicht verurteilende analytische Art des Artikels teilweise auf die Lesenden überspringt und dabei hilft, die genannten Strukturen zu durchbrechen.

    Ganz vielen Dank!

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