Eine Kampagne gegen die Normalität?

Die Normalität ist das Problem und deswegen bemerkt es keiner.
Die Normalität ist ungeheur gewaltvoll, grausam und zerstörerisch, aber sie erscheint normal, d. h. unauffällig, unproblematisch, grundsätzlich in Ordnung.

Es ist z. B. normal, Fleisch zu essen. Die Realität hinter dieser Normalität ist: 14 Millionen Tiere werden täglich in Europa im Schlachthaus getötet, oft nach langen Transporten, fast immer nach einem qualvollen, monotonen, grotesk kurzen Leben.

Der normale Diskurs über das Fleischessen thematisiert selten das Konsumieren von Tierprodukten bzw. das Halten und Töten von Tieren als solche, sondern fokussiert auf einzelne Aspekte, die als Abweichungen aufgefasst werden können (besonders krasse Quälerei), fordert kleine Änderungen, berücksichtigt nicht, dass das Problem nicht die Abweichungen, sondern das Normale ist.
Man reagiert, wenn überhaupt, dementsprechend punktuell, kauft nicht mehr von Wiesenhof, isst (wenn es grad im Angebot ist) lieber das Bioschwein, grillt auch mal eine Zucchini. Veganismus ist immer noch extrem.

Teils gilt sogar Vegetarismus schon als extrem. Kürzlich las ich einen Artikel mit dem Titel „Auch Biofleisch ist industrielle Massenware“ in der FAZ. Der Autor Jan Grossarth diskutiert die jüngst im Fernsehen gezeigten Bilder aus der Biohaltung: auch hier dicht gedrängte, verletzte, sterbende Tiere. Die Bilder sind schrecklich, es ist schrecklich, dass diese Realität existiert, die angemessene Reaktion darauf ist Mitgefühl, Empörung und Widerstand gegen ein Systen, in dem das stattfinden kann. Der Autor zeigt allerdings nicht diese Reaktion. Ihm kommt es darauf an, deutlich zu machen, dass diese Bilder nur einen kleinen Ausschnitt der Realität zeigten: die berühmten Einzelfälle. Außerdem stammten sie von „Tierschutzaktivisten“, die keine „neutrale“ Partei seien:

Im Fall der ‚Fakt’-Sendung hatte der Verein ‚Die Tierfreunde’ die Bilder geliefert. Das sind Vegetarier, die Nutztierhaltung aus ethischen Gründen ablehnen. […] Ihr Präsident Jürgen Foß wurde vor vielen Jahren sogar aus dem Tierschutzverein Siegen ausgeschlossen, weil er Hunde im Tierheim vegetarisch ernähren wollte. Trotz seiner weltanschaulich extremen Motivation zeigen seine Bilder ‚die Realität’ – aber eben nur in einem Ausschnitt, die das Bild der ‚industriellen Massentierhaltung’ grob verzerrt.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! „Trotz seiner weltanschaulich extremen Motivation zeigen seine Bilder die Realität“ – damit wird impliziert, dass denjenigen, die sich in ihrer ethischen Sicht auf die Welt vom ‘normalen’ Menschen unterscheiden, auch im Hinblick auf pure Faktenbehauptungen nicht zu trauen ist.
So wird also das Normale verteidigt, der Angriff abgewehrt – er trifft nur Einzelnes, ist nicht allgemeingültig, grundsätzlichere Schlussfolgerungen daraus wären extrem, die muss man nicht ernst nehmen.

Es ist auch normal, mehrmals im Jahr Flugreisen zu machen. Es ist bekannt, dass Fliegen das Klima schädigt. Dass es dazu beiträgt, dass in Zukunft große Gebiete unbewohnbar werden, Menschen und viele andere Tiere sterben oder vertrieben werden, Naturkatastrophen sich häufen, noch dramatischere Folgen immer wahrscheinlicher werden. Diese Normalität ist ungeheuer zerstörerisch.

Man reagiert, wenn überhaupt, auch hier gemäßigt, nicht extrem: man befolgt z. B. das Prinzip, nur dann zu fliegen, wenn die Strecke lang und die Aufenthaltsdauer nicht sehr kurz ist, d. h. innerhalb Deutschlands wird die Bahn genommen, auf Wochenendtrips per Flugzeug wird weitgehend verzichtet – außer natürlich, es geht um eine wichtige Konferenz, eine Hochzeit oder auch einen überfälligen Besuch. Das Problem: ob etwas okay ist oder nicht, wird an den eigenen Bedürfnissen und an der Normalität gemessen – im Vergleich zu anderen übt man ja schon Verzicht – nicht aber an den tatsächlichen Erfordernissen. Nur weil man nach Chile nicht mit der Bahn kommt und drei Wochen auch kein Kurztrip sind, ist es noch lange nicht umweltverträglich, jedes Jahr dort Urlaub zu machen. Auch wenn alle ihre Flugreisen auf das aus ihrer Sicht Allernötigste reduzieren, wird – in Kombination mit ähnlichen Handlungsmaximen in Bezug auf Energieverbrauch, Konsum etc. – dadurch die Lebenswelt von zahllosen existierenden und zukünftigen Lebewesen zerstört.
Aber gar nicht mehr zu fliegen, das kann man von niemandem verlangen. Oder gar das System anzugreifen, in dem es normal ist, zur Freizeitgestaltung den Planeten kaputtzumachen – das ist extrem.

Das sind nur zwei Beispiele. Natürlich ist auch Ausgrenzung normal, Aubeutung ist normal, Konsum von Produkten aus Kinder- und Sklavenarbeit sowie krassester Umweltzerstörung ist normal, Bildungsungerechtigkeit ist normal. Es ist normal, das zu tun, was Autoritäten fordern, oder in Investmentfonds einzuzahlen, die mit Kriegsgeschäften, Atomkraft oder Tierversuchen Geld machen.

Was normal ist, ist in vielen Diskursen unangreifbar. Es ist das, was vorausgesetzt wird, um überhaupt Meinungsverschiedenheiten diskutieren zu können. Ob es gute Argumente gibt, das Normale aufrechtzuerhalten, oder ob es nicht bessere Argumente gibt, es in Frage zu stellen, spielt dabei kaum eine Rolle: das Normale bestimmt die Grenzen dessen, worüber geredet wird. Wer das Normale nicht anerkennt, fällt aus dem Diskurs heraus, spricht eine andere Sprache, muss nicht ernstgenommen werden. Wer das Normale nicht anerkennt, ist extrem. Oder unrealistisch, oder fanatisch, oder dogmatisch, oder moralistisch.

Das Normale erscheint normal, d. h. in Ordnung, unproblematisch, akzeptabel, unauffällig. Tatsächlich ist das Normale extrem: es ist ungeheuer gewaltvoll, zerstörerisch und grausam.

Und natürlich ist es nicht alternativlos, obwohl es, als Normales, so aussieht. Es ist ja das Wesen des Normalen, dass es die Alternativen unsichtbar macht.

Wenn das Normale doch mal thematisiert wird, wenn sich also die Gesprächspartner darauf einlassen, es nicht als unhinterfragbar und gegeben anzusehen, erlebe ich oft, dass das Normale mit folgendem Argument zu rechtfertigen gesucht wird: Das Normale sei das, was „die Leute“ wollten. Und wenn man es ändern wollte, müsste man die Leute zwingen, nicht so zu handeln, wie sie es wollen. In den obigen Beispielen:

Die Leute wollen so viel Fleisch essen, willst Du jetzt etwa das Fleischessen verbieten? Das lässt sich nie durchsetzen. Außerdem sollte man die Leute nicht bevormunden. Usw.

Oder auch:

Die Leute wollen eben mobil sein, oft in Urlaub fliegen, fremde Länder sehen, Freunde besuchen, etc. Wenn man das verhindern will, müsste man z. B. das Fliegen wieder teurer machen.

So erscheint die Kritik der Normalität als die Forderung nach äußerem oder innerem (moralischem) Zwang, der die Menschen davon abbringen sollte, ihre ureigensten Wünsche zu erfüllen. Daher kommt der Abschein des Moralisierens: als ob es darum ginge, Menschen zu reglementieren, bestimmte Verhaltensweisen als schlecht zu brandmarken und andere zu loben. Aber stimmt denn das Bild, wonach das Normale besteht, weil “die Leute” es wollen?

Aus meiner Sicht ist das Ganze viel komplizierter.

Die Aussage, dass „die Leute eben Fleisch essen wollen“, liegt irgendwo zwischen unterkomplex und falsch. Was wir wissen, ist, dass viele Menschen tatsächlich viel Fleisch kaufen und essen. Man muss davon ausgehen, dass sie das auch wollen: d. h. sie wollen im Supermarkt Schweineschnitzel für 2,99 das Kilo erwerben und sich das dann einverleiben. Viele sagen freilich auch, dass sie das wollen.
Folgt daraus, dass sie auch wollen, dass Schweine zu Tausenden auf Betonspaltenböden in stinkenden Hallen stehen? Wenn wir von einem Ideal des perfekt informierten, perfekt rationalen und perfekt praktisch überlegenden Menschen ausgehen, wollen sie das natürlich auch. Gleichzeitig ist klar: viele Menschen sind gegen Massentierhaltung, unterschreiben Petitionen dagegen, sind von den betreffenden Bildern geschockt, empören sich.
Wieso wirkt sich diese Meinung nicht auf ihr Kaufverhalten aus? Dafür gibt es zahlreiche Gründe: Menschen denken im Moment des Kaufens und Essens nicht über die Situation der Tiere nach, durchdenken also nicht die Konsequenzen ihrer Handlung, Menschen halten die Konsequenzen ihrer Handlung für so gering, dass sich das persönliche ‚Opfer’ dafür nicht lohnt, usw. Oft ist die Meinung, dass Massentierhaltung schlecht ist, auch sehr abstrakt oder theoretisch, nicht mit viel Emotion verbunden, und wird deshalb nicht handlungsleitend.

Es ist nun kein Zufall, sondern ein Resultat bestimmter Mechanismen, dass die Meinungen der Menschen einerseits und ihre Handlungen anderseits so auseinandergehen: die Industrie tut alles, um angemessene emotionale Reaktionen wie Mitgefühl, Abscheu und Empörung gering zu halten, indem sie die Vorgänge so weit wie möglich versteckt und Emotionen, wenn sie aufkommen, als unsachlich diffamiert. Im Kapitalismus scheint der einzige Weg, auf Produktionsbedingungen Einfluss zu nehmen, die des bewussten Konsums zu sein, und dieser Einfluss ist für den Einzelnen verschwindend gering. Auf allen Seiten kann Verantwortung abgegeben werden: die Konsument*innen sagen, der Staat müsse die Produzent*innen dazu bringen, etwas zu ändern, die Produzent*innen sagen aber, die Konsument*innen wollen das, und der Staat sagt das auch (und steckt sowieso mit den Produzent*innen unter einer Decke).

Stellen wir uns eine Situation vor, in der die Wege zwischen den Entscheidungen von Menschen einerseits und den Konsequenzen dieser Entscheidungen andererseits so verkürzt sind, dass viele Menschen tatsächlich das tun, was sie – in einem umfassenden Sinne – wirklich wollen. Wenn die Menschen z. B. über die Haltung und Tötung der Tiere, die sie zu verspeisen beabsichtigen, mitbestimmen und direkt daran mitwirken würden, dann wäre meines Erachtens die Massentierhaltung in der gegenwärtigen Form nicht möglich. Wer also sagt, die Normalität (der Massentierhaltung) besteht, weil die Leute das wollen, stellt die Situation unterkomplex und letztlich falsch dar.

Natürlich würde die eben geschilderte Situation, aus meiner Perspektive, noch längst nicht zufriedenstellend sein: es gäbe immer noch Menschen, und wahrscheinlich nicht wenige, die Tiere halten, ausbeuten, töten und essen wollten.
Folgt daraus nun, dass ich vorhaben muss, es ihnen zu verbieten oder sie anderweitig zu bevormunden, wenn ich diese Praxis – die Normalität – falsch finde? Ich sehe nicht, warum das folgen sollte. Es wäre natürlich eine Möglichkeit, meine Überzeugung (in Bezug auf den Umgang mit nichtmenschlichen Tieren) durchzusetzen. Aber es gibt ja noch mindestens eine andere Möglichkeit: was Menschen wollen, kann sich ändern.

Diese Tatsache ist so simpel und wird doch in dem Argument, das mir entgegengehalten wird, einfach unterschlagen. Die Geschichte zeigt außerdem, dass sich Menschen in ihrem Wollen, in ihren Grundüberzeugungen und Handlungsweisen schon oft unheimlich stark geändert haben. Ich halte es sowohl für möglich, dass sich ein umfassender Antispeziesismus durchsetzt, d. h. eine Weltanschauung, in der es als falsch erachtet wird, andere Tiere für eigene Zwecke zu nutzen und umzubringen, als auch, dass sich ein neues Verhältnis zur natürlichen Umwelt einstellt, was z. B. beinhaltet, dass es als falsch erachtet wird, für die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse die Luft zu verpesten bzw. das Klima zu zerstören.

Ich weiß nicht, wie wahrscheinlich das ist oder wovon es abhängt, aber möglich ist es allemal. Hier muss man sich auch klarmachen, dass die meisten großen Veränderungen im Denken vorher von den meisten nicht für möglich gehalten wurden – und dann u. a. deshalb stattgefunden haben, weil es wenige Einzelne gab, die an diese Möglichkeit geglaubt haben.

Was Menschen wollen, kann sich ändern: d. h. die Tatsache, dass manche Aspekte der gegenwärtigen, gewaltvollen, grausamen, zerstörerischen Normalität tatsächlich von manchen (nicht von allen, wahrscheinlich nicht mal von vielen) Menschen gewollt werden, liefert keinerlei Rechtfertigung, weder für die Normalität als solche, noch für die resignative Haltung, die sich in dem genannten Argument äußert. Wenn die Normalität schlecht ist, sollten wir sie kritisieren und versuchen, möglichst viele andere Menschen dazu zu bringen, dem zuzustimmen und die Normalität zu ändern.

Es gibt hier außerdem noch eine bemerkenswerte Zirkularität: viele Menschen wollen ja das Normale, gerade weil sie es für normal halten! Weil sie die Alternativen nicht sehen, weil sie glauben, dass es so sein muss, wie es ist, weil sie glauben, dass alle das wollen und es deshalb nicht zu ändern ist. Wenn viele Menschen das Normale dagegen so sehen würden, wie es ist: als gewaltvoll, grausam, zerstörerisch und veränderlich, dann wäre es nicht mehr lange das Normale, sondern Vergangenheit.

Aber wie kommen Menschen eigentlich dazu, das Normale in Frage zu stellen? Mir scheint, wenn einmal ein Einstieg gefunden ist – wenn man z. B. bei der Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema den Glauben an die Normalität als Ganzes verliert – wird es leichter, auch bei anderen Themen grundsätzliche Probleme zu erkennen, anstatt nur am normalen Diskurs teilzunehmen. Aber wie funktioniert das genau? Und noch viel wichtiger: wie kann man es anstoßen?

Vielleicht sollte man nicht nur das Normale in all den Einzelfällen kritisieren und bekämpfen, sondern die Normalität als solche. Es ist ja dasselbe Denkmuster, das überall wirkt: was normal ist, ist schon in Ordnung.
Echte Veränderung wird erst dann stattfinden, wenn viele Menschen diesen allgemeinen Glauben an die Normalität verlieren. Wenn viele Menschen nicht mehr daran glauben, dass grundsätzlich schon alles in Ordnung ist. Nichts ist in Ordnung. Das ist die Erkenntnis, die sich durchsetzen muss, wenn sich etwas ändern soll.

Ein Kommentar

  1. Wenn das Normale doch mal thematisiert wird, wird es auch oft mit der persönlichen Freiheit in Verbindung gebracht. Doch was bedeutet Freiheit für die Bevölkerung? Es ist die Freiheit, die den Menschen durch ein Wirtschaftssystem suggeriert wird. Ein Wirtschaftssystem, welches keine Rücksicht auf Zerstörung und Gewalt nimmt, kann auch in der Bevölkerung nichts anderes erzeugen, als diese Zustände als normal darzustellen.
    Eine unerbittliche Marktwirtschaft, mit Kampf um Ressourcen und ohne Rücksicht auf die Schwachen, durchdringt jeden Bereich des Lebens. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen oder die Ausbeutung der anderen Tiere wird als Freiheit dargestellt. Wer das nicht begreift und unterstützt, wird schnell als Versager abgestempelt oder als Schwächling.
    Das ist eine Scheinfreiheit, die Ursachen und Gründe hat. Freiheit wenn überhaupt haben nur die Besitzenden.

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