Kategorie-Archiv: Agrartierhaltung

Mail einer Biobäuerin

Folgende Mail wurde schP1050981on vor einigen Wochen von einer Biobäuerin aus Süddeutschland an den Verein „Die Tierbefreier e.V.“ geschickt. Ich finde einige Punkte durchaus bedenkenswert und die Themen generell diskussionswürdig, weshalb ich die Mail hier (mit Einverständnis der Autorin) veröffentliche. Im Anschluss sind meine Überlegungen und Kommentare dazu. Mail einer Biobäuerin weiterlesen

Tierbefreiung: Was ist damit gemeint und wie wird es begründet?

Im März habe ich bei der jährlichen „Tierschutztagung“ in der Evangelischen Akademie Bad Boll ein Streitgespräch mit Prof. Kunzmann über „Tierrechte oder Tierwohl?“ geführt, in dem ich viel über „Tierbefreiung“ und die Abschaffung der Nutztierhaltung gesprochen habe. In folgendem Text, der mit anderen Dokumenten zum Inhalt der Tagung für die TeilnehmerInnen online zugänglich gemacht wurde, habe ich meine Position nochmal erläutert.

Ich verstehe mich als Aktivistin der Tierbefreiungsbewegung und trete für Tierbefreiung ein. Dieser Begriff ist erläuterungsbedürftig. Die Forderung ist nicht, dass sofort alle Tiere, die in menschlicher Obhut leben, freigelassen werden. Ich denke auch nicht, dass alles Zusammenleben oder gar aller Kontakt von Menschen und Tieren aufhören muss. Stattdessen ist das Ziel, dass die Tiere aus dem bestehenden Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnis befreit werden: Dass sie nicht mehr von Menschen unter Missachtung ihrer eigenen Bedürfnisse genutzt und getötet werden.

Wer Tierbefreiung fordert, fordert daher ein Ende aller „Nutztier“-Haltung in der Nahrungsmittelproduktion, ebenso ein Ende von Tierversuchen, von Zoos, von Tiernutzung im Zirkus, im Pferdesport und in vielen anderen Bereichen. Auch der allergrößte Teil der Heimtierhaltung ist mit einer fairen Berücksichtigung der Bedürfnisse von Tieren nicht vereinbar. Es ist aus meiner Sicht allerdings durchaus denkbar, dass manche Arten des Zusammenlebens von Menschen und Tieren – insbesondere mit Hunden – unter ganz bestimmten Bedingungen vertretbar sind.

Die Forderung nach Tierbefreiung kann auf verschiedene Weisen begründet werden. Eine Weise will ich hier vorstellen. Für meine Argumentation beziehe ich mich nur auf die Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft.

Der erste Schritt ist die Anerkenntnis, dass viele Tiere, darunter die typischen „Nutztiere“, empfindende Lebewesen sind, d.h. dass sie Bewusstsein haben und Schmerz und Leid ebenso wie Freude und Zufriedenheit erfahren können. Das wird wohl gerade unter TierärztInnen niemand bestreiten.

Mit dem Bewusstsein und der Empfindungsfähigkeit geht dann ein Anspruch auf ethische Berücksichtigung einher: Wir müssen die Auswirkungen unseres Handeln auf Tiere bedenken, insofern sie unter diesen Auswirkungen leiden können. Auch dies wird kaum jemand bestreiten, da ja kaum jemand behauptet, dass Tiere ethisch überhaupt nicht zählen und wir Beliebiges mit ihnen anstellen dürfen. Tierbefreiung: Was ist damit gemeint und wie wird es begründet? weiterlesen

Nachts in der Schweinefabrik

Die Ferkelchen sind höchstens wenige Tage alt. Sie wirken so winzig und gleichzeitig so faszinierend ‚fertig’, wie ich es sonst von menschlichen Säuglingen kenne. Mit den kleinen Rüsselnasen suchen sie am Boden und am Bauch der Mutter nach den Zitzen, mit den kleinen Beinchen klettern sie über ihre Geschwister. Ich bin nicht religiös und kann auch mit Spiritualität nicht viel anfangen, aber meine unmittelbare Reaktion auf diese neugeborenen Ferkel lässt sich am besten mit „Ehrfurcht” beschreiben.

Auch heute, da wir so viel erklären und noch mehr manipulieren können, bleibt das Leben auf einer bestimmten Ebene doch ein Wunder: Da sind plötzlich Wesen in der Welt, die es vorher nicht gab. Sie sind ganz neu und frisch. Und irgendwie beginnt die Welt gerade erst für sie. Sie sind bereit, alles zu erkunden, zu lernen und Erfahrungen zu machen. Sie haben alles noch vor sich.

Das ist mein Eindruck in dieser Nacht, als ich die Ferkel in der Abferkelbox anschaue. Und dieser Eindruck kollidiert so massiv mit der Umgebung, mit den Umständen, mit der ganzen Szenerie, dass es sich anfühlt wie ein Widerspruch, wie ein Fehler in der Wirklichkeit. Es ist auf eine Weise unbegreiflich, dass so etwas wie das hier tatsächlich existiert. Nachts in der Schweinefabrik weiterlesen

Rosa Brillen für den Bauernverband

Von Empörung zu Aktionen

Im Vorfeld der großen Landwirtschaftsmesse „Grüne Woche” haben AktivistInnen der Gruppe „Grüne Woche demaskieren!” den Deutschen Bauernverband mit dem Negativpreis „Rosa Brille 2015″ ausgezeichnet. Ausgerüstet mit rosafarbenen Pappbrillen, Transparenten, Schildern und Flugblättern demonstrierten etwa 30 AktivistInnen vor dem Sitz des Bauernverbandes in Berlin-Mitte.

Der Justiziar des Verbandes nahm den Preis in Form einer rosa angesprühten Sonnenbrille auf einem Samtkissen entgegen. In Hannover überreichten gegen 9 Uhr am selben Morgen sieben Tierbefreiungs-AktivistInnen eine Rosa Brille an den Geschäftsführer des Landvolks Niedersachsen.

2015-01-15-rosabrille2

Während diese Aktionen selbst vor allem witzig sind – ich war als Mitglied der Gruppe „Grüne Woche demaskieren!” an der Planung und Durchführung in Berlin beteiligt und wir haben in allen Phasen viel gelacht – ist der Hintergrund doch ein sehr ernster: Wir sind erschüttert und angewidert im Angesicht der brutalen Ausbeutung von Tieren in der gegenwärtigen Agrarindustrie.

Wir kennen die Bedingungen in den Ställen. Wir wissen von den Verletzungen, Krankheiten, Verhaltensstörungen, Leiden und Schmerzen der Millionen Rinder, Schweine, Hühner und anderen Tiere, die zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern benutzt werden. Dass all diese neugierigen, sozialen und empfindsamen Tiere überhaupt ihr ganzes Leben in so tristen und elenden Umständen verbringen müssen, nur um dann gewaltsam getötet werden, macht uns traurig und oft verzweifelt. Es macht uns auch wütend. Rosa Brillen für den Bauernverband weiterlesen

Friede, Freude, Spaltenboden – Das schmutzige Geschäft auf der Messe EuroTier

[Der Artikel ist am 17.11.2014 in der Online-Zeitung Huffington Post erschienen.]

Auf der weltgrET 08ößten Fachmesse für Nutztierhaltung, der EuroTier in Hannover, konnte man vergangene Woche nicht nur erleben, wie weitgehend Tiere in der modernen Fleisch-, Milch- und Eierindustrie als bloße Waren und Maschinen angesehen und behandelt werden. Sondern auch, welchen Aufwand die Industrie betreibt, um genau dies zu verschleiern. Friede, Freude, Spaltenboden – Das schmutzige Geschäft auf der Messe EuroTier weiterlesen

Weidehaltung torpediert Moorschutz

Es wird ja gern behauptet, die Weidehaltung von Rindern sei eine besonders ökologische Weise der Landnutzung. Die neue top agrar (11/2014, S. 50f.) zeigt auch andere Seiten: In Niedersachsen wehren sich gerade LandwirtInnen, insbesondere von Milchbetrieben, gegen die Ausweisung von Vorranggebieten für den Moorschutz, weil sie dadurch ihre Existenz bedroht sehen. Weidehaltung torpediert Moorschutz weiterlesen

Warum für die Schließung aller Schlachthäuser?

Foto: Klaus Petrus

Foto: Klaus Petrus

Am 12. Juli 2014 war ich in Bern auf der Demo zur Schließung aller Schlachthäuser dabei und durfte einen Redebeitrag halten, aus dem ich jetzt einen Text gebastelt habe.

Schlachthäuser und “Nutztier”-Haltung
Ich habe mich sehr gefreut, eingeladen worden zu sein, u.a. weil mir der Titel der Demonstration besonders gut gefällt: Für die Schließung aller Schlachthäuser. Schlachthäuser sind einerseits ganz offensichtlich ein Ort brutaler Gewalt gegen Tiere. Sie werden auch öffentlich als solche wahrgenommen. Kaum jemand findet Schlachthäuser gut; die meisten Leute denken dabei an Leid, Angst, Stress, Blut und Tod. Schlachthäuser haben also schon ein ziemlich schlechtes Image.

Gleichzeitig ist es aber so, und deshalb finde ich den Titel so gelungen, dass Schlachthäuser nicht isoliert zu sehen sind. Schlachthäuser sind stattdessen ein wesentliches und notwendiges Element der gesamten „Nutztier“-Haltung. Alle so genannten Nutztiere werden ja gewaltsam getötet, und zwar nach ökonomischen Kriterien, weil sie letztlich nichts anderes als Waren sind. Im öffentlichen Diskurs wird viel über Haltungsbedingungen geredet. Die sind natürlich meistens auch übel und das Gerede von „Tierwohl“ und „artgerecht“ ist meist zynisch und daneben. Aber interessant ist, dass in dem ganzen Diskurs um Tierwohl etc. selten darüber gesprochen wird, dass auch Tiere aus den kleinsten, besten Nutzbetrieben geschlachtet werden. Meist in einem Alter, in dem sie noch einen Großteil ihres Lebens vor sich hätten. Jedes Mastschwein, auch aus dem besten Biofreilandhof, wird gewaltsam getötet und zwar zu dem Zeitpunkt, zu dem sich sein Körper sich am besten als Fleisch verkaufen lässt. Jede Kuh wird getötet, sobald sie nicht mehr rentabel ist, jede “Legehenne”, wenn ihre Legeleistung nachlässt, usw. Warum für die Schließung aller Schlachthäuser? weiterlesen

Drauf warten, dass die Zahl der Veganer steigt?

Heute ist in der ZEIT ein Streitgespräch zwischen Herwig Grimm aus Wien und mir erschienen. Und obwohl ich an mehrfachen Überarbeitungen beteiligt war, ist mir jetzt erst aufgefallen, dass ich an einer Stelle doch ganz anders hätte antworten sollen. Herwig Grimm sagt nämlich:

“Im Sinne der Schadensbilanz dürften Sie mehr erreichen, wenn Sie die Landwirte überzeugen, ihre Tiere besser zu halten, als wenn Sie darauf warten, dass die Zahl der Veganer steigt, die derzeit nur rund ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen. […]”

Darauf ich (u.a.):

“Die Zahl der Veganer steigt doch derzeit rasant.”

Damit wollte ich primär Grimms Aussage kontern, die so klingt, als täte sich an dieser “Front” überhaupt nichts. Aber viel wichtiger wäre gewesen, darauf hinzuweisen, dass ein bloßes Warten auf das Zunehmen der Zahl der Veganer tatsächlich nicht besonders sinnvoll ist. Mal abgesehen davon, dass Grimm in seinem Statement eine aktive Handlung mit einer passiven Haltung vergleicht und man es daher leicht umdrehen könnte – d.h. sagen könnte, es sei aussichtsreicher, Leute zu überzeugen, Veganer zu werden, anstatt darauf zu warten, dass die Landwirte ihre Tiere besser halten – ist es problematisch, den Fokus des Engagements für Tierrechte allein auf die Erhöhung des Veganeranteils zu legen. Wie in der ZEIT ganz oben auf derselben Seite angemerkt, wird hierzulande bereits weniger Fleisch gegessen, aber immer mehr produziert – für den Export. Überhaupt wird die Rolle der Nachfrage für die Entwicklung der Produktion leicht überschätzt. Es ist daher entscheidend, nicht nur auf den Konsum zu schauen, sondern eine starke soziale Bewegung zu schaffen, die direkt Einfluss auf die Produktion nimmt.
Auch darauf muss man nicht warten, sondern man kann heute damit anfangen. Indem man sich zum Beispiel direkt gegen den Neubau von Mastanlagen, gegen Schlachthöfe oder Tierversuchslabore engagiert.
Zur Zeit werden überall in Deutschland neue Tierfabriken geplant und auch ohne viel Aufsehen genehmigt, sofern es keinen Widerstand dagegen gibt. Während gutsituierte Städter veganen Cappuccino schlürfen, werden Millionen Tiere in neuen Anlagen eingestallt, abtransport, getötet und verkauft, hier und anderswo. Daher der Aufruf: Werdet Teil der Tierbefreiungsbewegung und tragt den Protest gegen die Ausbeutung und Gewalt gegen Tiere vom veganen Café an die Orte des Geschehens!

Was nicht heißen soll, dass eine Erhöhung des Veganeranteils nicht gut wäre – ich freue mich über jeden Euro, der nicht in diese Industrie fließt. Und auch für die Tierbefreiungsbewegung selbst ist es umso besser, je mehr Veganer es gibt, denn desto mehr Leute gibt es, die gegenüber der Tierausbeutung schon sehr kritisch sind. Aber noch besser wär’s, wenn die alle auch politisch aktiv würden!
Hier sind ein paar Links zu entsprechenden Gruppen: